Am 4. September 1998 wurde Google Inc. eingetragen. Knapp drei Monate später hat das Internet Archive diese Seite aufgehoben. Sie ist so schlicht, dass man sie beim ersten Hinsehen für unfertig hält. Genau das war sie auch, und genau das stand sogar drauf.

Die Startseite von google.com am 2. Dezember 1998, drei Monate nach der FirmengründungSeite im Archiv besuchen12345
Die Startseite von google.com am 2. Dezember 1998, drei Monate nach der Firmengründung
Bildschirmfoto der archivierten Seite google.com vom 2. Dezember 1998, Internet Archive Wayback Machine
  1. Das Logo trägt ein Ausrufezeichen. Kein Versehen, sondern ein Zitat der Zeit: Yahoo! hatte eins, Excite hatte eins, also hatte Google auch eins.
  2. Darunter steht BETA. Der Hinweis blieb bis September 1999 stehen, obwohl die Suche da längst besser war als die der fertigen Konkurrenz.
  3. Zwei Knöpfe, und einer davon überspringt die Trefferliste. Auf gut Glück gibt es bis heute, und bis heute benutzt es kaum jemand.
  4. Unter "Special Searches" stehen eine Stanford-Suche und eine Linux-Suche. Die Universität, an der das Ganze entstand, war noch auf der Startseite.
  5. Rechts trägst du deine E-Mail-Adresse ein und bekommst einmal im Monat Neuigkeiten. So hat man 1998 ein Publikum aufgebaut.

Ein Ausrufezeichen und ein Beta-Hinweis

Das bunte Wort mit dem Ausrufezeichen dahinter wirkt heute wie ein Fehler im Logo. Damals war es Konvention. Yahoo! schrieb sich mit Ausrufezeichen, Excite warb mit einem, und wer 1998 eine Suchmaschine startete, signalisierte damit Aufbruch. Weg war es im Mai 1999, zusammen mit dem alten Logo.

Interessanter ist das Wörtchen darunter. BETA hiess: Wir sind noch nicht fertig, erwarte nicht zu viel. Der Hinweis stand fast ein Jahr lang da. In dieser Zeit lieferte Google bereits bessere Ergebnisse als die etablierten Dienste, weil es auswertete, wie Seiten untereinander verlinkt sind, statt nur die Wörter darauf zu zählen. Die Bescheidenheit auf der Startseite und die Qualität dahinter passten schon 1998 nicht zusammen.

Warum die Seite so leer war

Um zu verstehen, wie ungewöhnlich das aussah, muss man wissen, was Konkurrenz damals bedeutete. Yahoo, Lycos, Excite und AltaVista bauten ihre Startseiten zu Portalen aus. Da standen Schlagzeilen, Börsenkurse, das Wetter, ein Horoskop, kostenlose Postfächer, Chaträume und Kleinanzeigen. Das Suchfeld war ein Element unter vielen, oft nicht einmal das grösste.

Die Rechnung dahinter war simpel: Je länger jemand bleibt, desto mehr Werbung sieht er. Google drehte das um. Wer schnell findet, was er sucht, geht schnell wieder. Das klang 1998 nach einem schlechten Geschäftsmodell und war die bessere Idee.

Ein praktischer Nebeneffekt fiel damals stärker ins Gewicht, als man sich das heute vorstellt. Über ein 56k-Modem brauchte eine vollgepackte Portalseite eine halbe Minute. Diese hier war nach zwei Sekunden da.

Die Universität stand noch auf der Startseite

Links unten, unter der Überschrift "Special Searches", stehen zwei Links: Stanford Search und Linux Search. Das ist der Herkunftsnachweis. Das Projekt begann 1996 als Forschungsarbeit von Larry Page und Sergey Brin an der Stanford University, damals unter dem Namen BackRub, und lief eine Zeit lang unter google.stanford.edu.

Dass eine Universitätssuche und eine Linux-Suche im Dezember 1998 noch gleichberechtigt auf der Startseite standen, sagt viel über das Publikum. Das waren Informatiker und Studenten. Google war zu diesem Zeitpunkt ein Werkzeug für Leute, die wussten, was eine Suchmaschine im Inneren tut.

Das E-Mail-Feld statt eines Blogs

Im rechten Kasten steht "Get Google! updates monthly", darunter ein Eingabefeld und ein Knopf. Es gab keine sozialen Netzwerke, keine Blogs mit Abo-Funktion, keine Meldungen aufs Telefon. Wer mitbekommen wollte, was sich tut, gab seine Adresse an und bekam einmal im Monat eine Mail.

Diese kleine Box ist das einzige Element der Seite, das etwas von dir will. Alles andere ist Werkzeug. Dass ausgerechnet die Firma, die später mehr über ihre Nutzer wusste als jede andere, mit einem freiwilligen Newsletter anfing, hat im Rückblick etwas Rührendes.

Was daraus wurde

Nach eigenen Angaben beantwortete Google Ende 1998 rund 10.000 Suchanfragen am Tag. Für ein Projekt in der Beta-Phase war das ordentlich, gegen AltaVista war es nichts. Im August 1998 hatte Andy Bechtolsheim, einer der Gründer von Sun Microsystems, einen Scheck über 100.000 Dollar ausgestellt, und zwar auf eine Firma, die es zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gab. Das war der Anfang.

Der Rest ist bekannt. Bemerkenswert bleibt, wie wenig sich am Grundaufbau geändert hat. Logo, Suchfeld, zwei Knöpfe. Wer diese Seite von 1998 öffnet, findet sich sofort zurecht. Von den Portalseiten der Konkurrenz lässt sich das nicht sagen, und die meisten davon gibt es nicht mehr.

Wie die andere Seite dieser Geschichte aussah, zeigt der Artikel über Netscape, dessen Startseite genau dieses Portalmodell verkörperte. Was passiert, wenn ein Marktführer irgendwann keine Konkurrenz mehr hat, steht beim Internet Explorer 6.

Quellen