Marc Andreessen und die Anfänge

1993 war Marc Andreessen 22 Jahre alt und arbeitete am National Center for Supercomputing Applications (NCSA) an der University of Illinois. Dort entwickelte er zusammen mit Eric Bina den Mosaic-Browser. Mosaic war nicht der erste Browser. Aber er war der erste, der Bilder direkt im Text anzeigte statt in separaten Fenstern. Das klingt banal. Es veränderte alles.

Mosaic machte das Web visuell. Vorher war das Internet Text auf grauem Hintergrund. Danach war es bunt, grafisch, zugänglich. Innerhalb weniger Monate hatten Millionen Menschen Mosaic installiert.

Andreessen verliess das NCSA und gründete zusammen mit Silicon-Valley-Veteran Jim Clark im April 1994 eine neue Firma: Mosaic Communications Corporation. Später umbenannt in Netscape Communications. Das Ziel: Einen besseren Browser bauen. Und damit Geld verdienen.

Bild: Netscape Navigator 3.0 Startseite mit dem throbbing N Logo und grauer Toolbar auf Windows 95

Das pulsierende N

Netscape Navigator erschien im Dezember 1994. Version 1.0. Das Logo: Ein grosses N auf einem Steuerrad, umgeben von einem Sternenhimmel. Während eine Seite lud, pulsierte das N in der oberen rechten Ecke. Sterne schossen vorbei. Es sah aus, als würdest du durch das Universum fliegen. In Wirklichkeit wartete dein Rechner auf ein 15-Kilobyte-HTML-Dokument.

Dieses pulsierende N wurde zum Symbol des frühen Web. Jeder kannte es. Jeder hatte darauf gestarrt, während eine Seite lud. Es war der Ladebalken einer Ära, in der Loading Screens noch keine Fortschrittsanzeige hatten.

Der IPO, der die Welt veränderte

Am 9. August 1995 ging Netscape an die Börse. Der Ausgabepreis wurde von 14 auf 28 Dollar verdoppelt - am Morgen des IPO. Am Ende des ersten Handelstages stand die Aktie bei 58,25 Dollar. Die Firma war über Nacht 2,9 Milliarden Dollar wert. Ohne Gewinn. Mit einem einzigen Produkt.

Der Netscape-IPO gilt als Startschuss der Dotcom-Blase. Er bewies: Internetfirmen können an einem Tag Milliarden wert sein. Ob sie jemals profitabel werden, schien zweitrangig. Investoren stürzten sich auf alles mit ".com" im Namen. Die Party hatte begonnen.

Andreessen, 24 Jahre alt, war plötzlich auf dem Cover des Time Magazine. Barfuss, auf einem goldenen Thron sitzend. Die Botschaft war klar: Das Internet gehört den Jungen.

Bild: Time Magazine Cover mit Marc Andreessen, Februar 1996

"Best viewed with Netscape Navigator"

In den Jahren 1995 und 1996 liefen über 80 Prozent des Web-Traffics über Netscape. Der Browser war der De-facto-Standard. Webdesigner bauten ihre Seiten für Netscape. Am unteren Rand jeder Homepage stand ein Button: "Best viewed with Netscape Navigator 3.0". Oft verlinkt auf die Netscape-Downloadseite.

Netscape trieb die Webentwicklung voran. JavaScript wurde 1995 von Brendan Eich in zehn Tagen für Netscape entwickelt. Cookies, Frames, SSL-Verschlüsselung - alles Netscape-Erfindungen oder -Implementierungen. Der Browser definierte, was das Web konnte. GeoCities-Seiten wurden in Netscape gebaut und betrachtet. Die ersten Online-Shops nutzten Netscapes SSL für sichere Zahlungen.

Der Browserkrieg

Microsoft sah Netscape als existenzielle Bedrohung. Wenn das Web zur Plattform wird, wird Windows irrelevant. Bill Gates schrieb 1995 sein berühmtes "Internet Tidal Wave"-Memo. Microsoft müsse das Internet ernst nehmen. Sofort.

Der Internet Explorer 1.0 erschien im August 1995. Er war schlecht. Version 2.0 war besser. Version 3.0 war konkurrenzfähig. Version 4.0 war gut. Und er war kostenlos. Und er war in Windows integriert. Jeder neue PC hatte ihn vorinstalliert.

Netscape verlangte Geld. 39 Dollar für die Vollversion. Gegen einen kostenlosen Browser, der automatisch auf jedem Rechner lag, hatte das keinen Bestand. Der Marktanteil schmolz. Von über 80 Prozent 1996 auf unter 20 Prozent im Jahr 2000.

Open Source und die Geburt von Mozilla

Am 31. März 1998 machte Netscape einen verzweifelten und gleichzeitig visionären Schritt: Der Quellcode des Browsers wurde veröffentlicht. Unter dem Projektnamen "Mozilla" - ein Kofferwort aus "Mosaic Killer". Die Idee: Wenn wir alleine nicht gegen Microsoft bestehen, machen wir den Code frei.

Das Mozilla-Projekt startete holprig. Der Netscape-Code war aufgebläht und schwer zu warten. Die Community brauchte Jahre, um daraus etwas Brauchbares zu formen. Aber aus diesem Code entstand am Ende Firefox. Und Firefox rettete 2004 das offene Web vor dem Internet-Explorer-Monopol.

Die Entscheidung, den Code freizugeben, war das Wichtigste, was Netscape je getan hat. Nicht der Browser. Nicht der IPO. Der Open-Source-Schritt. Er setzte eine Bewegung in Gang, die bis heute das Web prägt.

AOL, der Abstieg und das Ende

Im November 1998 kaufte AOL Netscape für 4,2 Milliarden Dollar. Nicht für den Browser. Für das Webportal Netcenter und die Server-Software. Der Browser war Beigabe.

Unter AOL wurde Netscape zur Marke ohne Produkt. Der Browser erschien noch in neuen Versionen, basierte aber zunehmend auf dem Internet Explorer oder auf Mozilla-Code. 2003 löste AOL die Netscape-Abteilung auf. Die meisten Entwickler wechselten zur neu gegründeten Mozilla Foundation.

Am 1. März 2008 stellte Netscape den Support für alle Browser-Versionen ein. Eine kurze Nachricht auf der Website. Keine Zeremonie. Kein Abschied. Der Browser, der das Web populär gemacht hatte, starb leise.

Was Netscape hinterlassen hat

JavaScript. SSL/TLS. Cookies. Das Konzept des Webbrowsers als Plattform. Die Idee, dass eine Internetfirma Milliarden wert sein kann. Open Source als Überlebensstrategie. Die Dotcom-Blase. Firefox. Alles geht auf Netscape zurück.

Ohne Netscape Navigator hätte das Web Jahre länger gebraucht, um den Mainstream zu erreichen. Die GeoCities-Seiten wären nie gebaut worden. ICQ hätte sein Publikum nicht gefunden. Die Verbindung zum Internet lief über ein 56k-Modem - aber das Fenster in die Welt war Netscape Navigator.

Wer heute Chrome, Firefox oder Safari öffnet, benutzt einen direkten Nachfahren dessen, was Andreessen und seine Leute 1994 in Mountain View zusammengebaut haben. Das pulsierende N ist weg. Aber sein Erbe läuft auf jedem Bildschirm der Welt.