Vier Studenten, eine Idee

Im Sommer 1996 sass ein Team aus vier jungen Israelis in einem kleinen Büro in Tel Aviv. Yair Goldfinger, Arik Vardi, Sefi Vigiser und Amnon Amir hatten eine simple Idee: Menschen sollen sich im Internet in Echtzeit Nachrichten schicken können. Klingt heute banal. Damals war es revolutionär.

Ihre Firma hiess Mirabilis. Das Produkt tauften sie ICQ - ein Wortspiel auf "I Seek You". Am 15. November 1996 ging die erste Version online. Innerhalb weniger Monate hatten sie über eine Million Nutzer.

Bild: ICQ 98a Hauptfenster mit Kontaktliste und Blumen-Logo auf Windows 98 Desktop

Das UIN-System

Jeder ICQ-Nutzer bekam eine Nummer. Keine Mailadresse, keinen Benutzernamen - eine nackte Zahl. Die UIN (Universal Internet Number) wurde zum Statussymbol. Wer eine fünfstellige Nummer hatte, war ein Urgestein. Sechsstellig? Früher Adopter. Siebenstellig? Normalsterblicher.

Die eigene ICQ-Nummer stand in Foren-Signaturen, auf Visitenkarten von Webdesignern und in den Profilen jeder GeoCities-Seite. Manche Leute hatten ihre UIN sogar auswendig gelernt wie eine Telefonnummer. Konntest du die Nummer deines besten Freundes aufsagen, war das fast ein Freundschaftsbeweis.

Uh-Oh! - Der Sound einer Generation

Dieses kurze, helle "Uh-Oh" beim Nachrichteneingang. Wer in den späten 90ern oder frühen 2000ern einen PC hatte, kennt es. Der Sound lief auf Millionen von Rechnern, in Kinderzimmern und Büros gleichzeitig. Eltern wussten oft nicht, was da piepste. Aber sie wussten: Das Kind chattet wieder.

Dazu kamen die Statusmeldungen. "Online", "Away", "Do Not Disturb", "Invisible". Die Blume im System-Tray wechselte die Farbe. Grün bedeutete: Jemand ist da. Und dann ging das Herzklopfen los - besonders wenn der Schwarm plötzlich online kam.

Features, die ihrer Zeit voraus waren

ICQ konnte mehr als nur Text. Schon frühe Versionen boten Dateiübertragung, Gruppenchats und eine eingebaute Suche nach anderen Nutzern. Du konntest nach Alter, Land und Interessen filtern - quasi ein frühes Tinder ohne Fotos.

Die Chatrooms waren ein eigenes Universum. Thematisch sortiert, oft chaotisch, immer lebendig. Dateiübertragung war langsam - über ein 56k-Modem dauerte ein einzelnes Foto mehrere Minuten. Aber es funktionierte.

Später kamen SMS-Versand, Spiele und sogar Sprachnachrichten dazu. ICQ war im Grunde ein Schweizer Taschenmesser für Online-Kommunikation, Jahre bevor WhatsApp auch nur angedacht war.

Die wichtigsten Features im Überblick

  • Instant Messaging mit Offline-Nachrichten
  • Dateitransfer (quälend langsam, aber es ging)
  • Gruppenchats und Chatrooms
  • Nutzersuche nach Interessen und Standort
  • SMS-Versand direkt aus dem Client
  • Anpassbare Sounds und Skins
  • Kontaktlisten mit Statusanzeige

AOL kauft Mirabilis - für 407 Millionen Dollar

1998 war ICQ der grösste Instant Messenger der Welt. AOL, damals selbst ein Gigant, griff zu. Für 407 Millionen US-Dollar kaufte America Online das israelische Startup. Das war 1998 eine absurde Summe für eine Firma mit null Umsatz.

Unter AOL wurde ICQ weiterentwickelt, aber auch zunehmend mit Werbung vollgestopft. Der schlanke Client wurde aufgebläht. Toolbars, Newsfeeds, Werbebanner - alles, was niemand wollte, wurde reingepackt. Trotzdem hielten viele Nutzer die Treue. Gewohnheit ist mächtiger als jeder Werbebanner.

ICQ vs. MSN Messenger - der grosse Messenger-Krieg

Ab 1999 hatte ICQ ernsthafte Konkurrenz. Microsofts MSN Messenger kam vorinstalliert auf jedem Windows-Rechner. Das war ein unfairer Vorteil, den ICQ nie ausgleichen konnte.

Die Fronten verliefen oft entlang von Freundeskreisen. Hattest du deine Clique bei ICQ, bliebst du dort. Kamen neue Leute dazu, die nur MSN kannten, musstest du wechseln - oder beide Clients parallel laufen lassen. Viele taten genau das. Trillian und Pidgin wurden zu beliebten Multi-Messengern, die beide Protokolle vereinten.

Ganz ähnlich verlief später der Kampf der sozialen Netzwerke. StudiVZ gegen Facebook - auch dort gewann am Ende das grössere Netzwerk.

Bild: Vergleich ICQ 2001 und MSN Messenger 4.0 Fenster nebeneinander

Der lange Abstieg

Ab 2005 verlor ICQ stetig Nutzer. Erst an MSN, dann an Skype, später an Facebook Chat und WhatsApp. 2010 verkaufte AOL die Marke an Digital Sky Technologies (heute VK/Mail.ru Group) für 187 Millionen Dollar - weniger als die Hälfte des Kaufpreises von 1998.

Unter russischer Führung wurde ICQ mehrfach umgebaut. ICQ New (2020) versuchte, modern auszusehen. Die App funktionierte, hatte aber keine kritische Masse mehr. Wer chattet schon auf einer Plattform, auf der keiner seiner Freunde ist?

Das Ende: 26. Juni 2024

Am 26. Juni 2024 war Schluss. ICQ wurde offiziell abgeschaltet. Eine kurze Nachricht auf der Website, ein Verweis auf VK Messenger als Nachfolger. Fast 28 Jahre nach dem Start war der Kult-Messenger Geschichte.

Die Reaktionen waren erstaunlich emotional. Auf Reddit, Twitter und in Technik-Foren teilten Tausende ihre Erinnerungen. Erste UINs, erste Online-Freundschaften, erste Flirts über "Uh-Oh"-Nachrichten. Für viele war ICQ nicht einfach ein Programm. Es war der Soundtrack einer Zeit, in der das Internet noch Neuland war - im besten Sinne.

Was passierte mit den Accounts?

Die Accounts sind weg. Endgültig. Wer seine Chat-Logs nicht lokal gespeichert hat, hat sie verloren. Die UIN existiert nicht mehr. Es gibt keinen Export, keinen Download, kein Archiv.

Wer sich an seine alte UIN erinnern will: Manche archivierte Webseiten auf der Wayback Machine zeigen noch ICQ-Nummern in alten Forum-Profilen. Auch lokale Chat-Logs (meist unter C:\Program Files\ICQ\ in .dat-Dateien) könnten noch auf alten Festplatten schlummern. Falls du noch einen alten Rechner im Keller hast - jetzt wäre der Moment, nachzuschauen.

Was bleibt

ICQ hat Instant Messaging für den Mainstream salonfähig gemacht. Vor ICQ war Echtzeitkommunikation im Internet eine Nische für Techies mit IRC-Clients. Nach ICQ war es Alltag. Jeder WhatsApp-Chat, jede Discord-Nachricht, jede Slack-Message steht auf den Schultern dieses kleinen Programms mit der grünen Blume.

Falls du nach dem Lesen Lust auf mehr digitale Nostalgie hast: Winamp war der Mediaplayer, der auf denselben Rechnern lief. Und Moorhuhn war das Spiel, das danach gestartet wurde - wenn gerade niemand online war zum Chatten.