Hör es dir an
Bevor wir erklären, was passiert - hör es dir nochmal an. Klick auf den Button und lass dich zurückversetzen in eine Zeit, in der "ins Internet gehen" ein bewusster Akt war.
Zurück? Gut. Dann schauen wir uns an, was dein Modem da eigentlich getrieben hat.
Der Handshake - Schritt für Schritt
Der gesamte Vorgang heisst Handshake. Dein Modem und das Modem deines Internetanbieters verhandeln eine Verbindung. Das dauert etwa 15 bis 25 Sekunden. Jeder Teil des Geräuschgemischs hat eine Bedeutung.
Phase 1: Wählen und Verbinden (0-3 Sekunden)
Zuerst hörst du das Freizeichen der Telefonleitung. Dann wählt das Modem die Nummer deines Providers - mit Tonwahl (DTMF) oder Impulswahl. Bei Tonwahl klingt es wie Tastendrücke auf einem Telefon. Bei Impulswahl eher wie ein mechanisches Klicken. Danach klingelt es auf der Gegenseite.
Phase 2: Carrier Detection (3-6 Sekunden)
Das Modem der Gegenstelle antwortet mit einem konstanten Ton von 2100 Hz. Das ist der sogenannte Answer Tone. Dein Modem erkennt: Da ist jemand, der meine Sprache spricht. Beide Seiten wissen jetzt, dass ein Modem am anderen Ende sitzt und kein Mensch.
Phase 3: Training Sequence (6-15 Sekunden)
Jetzt wird es laut und chaotisch. Beide Modems senden Testsignale hin und her. Sie prüfen die Leitungsqualität: Wie viel Rauschen ist auf der Leitung? Welche Frequenzen kommen sauber an? Wie viel Bandbreite ist möglich?
Die hellen Pfeiftöne, die sich schnell ändern, sind Teil dieser Testphase. Die Modems tasten die Leitung ab wie ein Arzt, der die Reflexe prüft. Je nach Leitungsqualität verhandeln sie die beste mögliche Geschwindigkeit.
Phase 4: Scrambling und Equalizing (15-20 Sekunden)
Das Rauschen und Kratzen gegen Ende ist das Scrambling. Die Modems verschlüsseln und kodieren ihre Signale, um Übertragungsfehler zu minimieren. Sie einigen sich auf ein gemeinsames Protokoll - V.90 für 56k oder V.34 für 33.6k, falls die Leitung schlecht ist.
Phase 5: Stille - Verbunden
Dann wird es still. Die Verbindung steht. Dein Modem hat mit dem anderen eine Sprache gefunden. Ab jetzt laufen Daten - leise, im Hintergrund. Der Lautsprecher schaltet sich ab, und du bist online.
Warum war das so laut?
Gute Frage. Technisch hätte der Lautsprecher im Modem nicht an sein müssen. Die Signale liefen über die Telefonleitung, nicht über den Lautsprecher. Aber die Hersteller bauten einen kleinen Monitor-Lautsprecher ein - zur Diagnose.
Wenn du nachts um 23 Uhr online gehen wolltest und deine Eltern schon schliefen, war dieser Lautsprecher dein grösster Feind. Manche Modems liessen sich per AT-Befehl stumm schalten (ATM0). Wer das wusste, war der Held jeder Nacht-Session. Wer es nicht wusste, bekam Ärger.
Telefon und Internet - warum nicht gleichzeitig?
Ein 56k-Modem nutzte die normale Telefonleitung. Dieselbe Leitung, über die auch Telefonate liefen. Es konnte immer nur eins: entweder telefonieren oder ins Internet. Wenn jemand anrief, während du online warst, bekam der Anrufer ein Besetztzeichen. Oder schlimmer: Die Verbindung brach ab.
"Geh aus dem Internet, ich muss telefonieren!" - dieser Satz fiel in deutschen Haushalten Ende der 90er vermutlich häufiger als "Guten Morgen". Familien mit nur einer Telefonleitung führten erbitterte Verhandlungen über Online-Zeiten.
Die Lösung? Manche Familien legten sich eine zweite Telefonleitung nur fürs Internet. Andere stiegen auf ISDN um.
ISDN - der erste Upgrade-Schritt
ISDN (Integrated Services Digital Network) war der logische nächste Schritt. Statt analoger Signale über die Telefonleitung liefen digitale Daten über zwei sogenannte B-Kanäle mit je 64 kbit/s. Gebündelt waren das 128 kbit/s - mehr als doppelt so schnell wie 56k.
Der grösste Vorteil: Du konntest gleichzeitig telefonieren und surfen. Ein Kanal fürs Internet, einer fürs Telefon. Familien atmeten auf.
Und ISDN machte keinen Krach. Kein Handshake-Geräusch, kein Pfeifen. Die Verbindung stand in Sekunden. Schnell, leise, zuverlässig. Allerdings auch deutlich teurer.
Wie langsam war 56k wirklich?
56 Kilobit pro Sekunde. In der Praxis kamen die meisten Verbindungen auf 40 bis 50 kbit/s. Das sind etwa 5 bis 6 Kilobyte pro Sekunde. Zum Vergleich:
- Ein MP3-Song (4 MB): ca. 12 Minuten
- Ein Foto (500 KB): ca. 90 Sekunden
- Windows 98 Update (30 MB): ca. 90 Minuten
- Ein YouTube-Video in 720p (200 MB): technisch unmöglich - YouTube gab es noch nicht, und selbst wenn, hättest du 9 Stunden gebraucht
Webseiten waren entsprechend optimiert. Bilder wurden auf wenige Kilobyte komprimiert. Flash-Animationen hatten Ladebalken. Und wer eine Datei herunterladen wollte, liess den Rechner über Nacht laufen - mit Download-Manager, falls die Verbindung abbrach.
Über genau diese Leitungen liefen auch die Nachrichten von ICQ. Text war kein Problem - aber Dateien über den Messenger zu verschicken, brauchte Geduld. Und Winamp-Skins mit 200 KB fühlten sich an wie ein ernsthafter Download.
Die emotionale Seite
Der Modem-Sound war mehr als ein technischer Vorgang. Er war ein Ritual. Du hast auf "Verbinden" geklickt, den Sound gehört und gewartet. Diese 20 Sekunden waren Vorfreude pur. Gleich bist du drin. Gleich kannst du chatten, surfen, die Welt erkunden.
Wer heute WLAN nutzt, ist immer online. Es gibt keinen bewussten Moment des Einloggens mehr. Damals war der Modem-Sound dieser Moment. Er trennte Offline von Online, Alltag von Abenteuer. Kein Wunder, dass so viele Menschen nostalgisch werden, wenn sie ihn hören.
Danach hast du dann vielleicht Moorhuhn gespielt - während im Hintergrund der ICQ-Kontaktlisten-Check lief. Die ganze Online-Session hatte ein Zeitlimit. Jede Minute kostete Geld. Du musstest effizient sein mit deiner Internet-Zeit.