Justin Frankel und der Anfang

Justin Frankel war 18, als er 1997 die erste Version von Winamp veröffentlichte. Der Name? Eine Kurzform von "Windows Amplifier". Frankel studierte an der University of Maryland und programmierte nebenbei. Sein kleines Tool konnte MP3-Dateien abspielen - damals keine Selbstverständlichkeit.

Zusammen mit seinem Schulfreund Dmitry Boldyrev gründete er die Firma Nullsoft. Der Name war eine Anspielung auf Microsoft - "null" statt "micro". Schon der Firmenname hatte Attitüde.

Die erste öffentliche Version, Winamp 0.20a, war spartanisch. Aber sie funktionierte. Und sie war kostenlos. In einer Zeit, in der 56k-Modems die Regel waren, zählte jedes Kilobyte. Winamp war schlank genug, um auch auf langsamen Verbindungen heruntergeladen zu werden.

Bild: Winamp 2.x Classic Skin mit Equalizer und Playlist-Fenster auf Windows 98

Der Llama-Spruch

Beim Start von Winamp ertönte eine verzerrte Stimme: "Winamp. It really whips the llama's ass." Ein absurder Satz, gesprochen von einem Text-to-Speech-Programm. Niemand wusste genau, warum ein Llama. Frankel fand es lustig. Das reichte.

Der Spruch wurde zum Erkennungszeichen. Wer ihn kennt, kennt Winamp. Wer ihn jetzt im Kopf hört, hat gerade einen Flashback in ein Kinderzimmer mit beigem Tower-PC und 15-Zoll-Röhrenmonitor.

Skins - dein Player, dein Look

Was Winamp wirklich besonders machte, war das Skin-System. Ab Version 2.0 konntest du das Aussehen komplett verändern. Die Community lieferte Tausende von Skins: Alien-Designs, Autoradio-Nachbauten, Anime-Themen, Holzoptik, Neon-Farben.

Die Seite winamp.com/skins war ein endloses Archiv. Stundenlang konnte man scrollen und neue Designs herunterladen. Manche Skins sahen besser aus als die Software, die sie nachahmten. Andere waren so hässlich, dass sie schon wieder gut waren.

Die beliebtesten Skin-Kategorien

  • Classic Dark: Der Originalskin in dunklen Varianten
  • Futuristic: Alien-Technologie und Neon-Glow
  • Real-World: Nachbauten von echten Geräten (Autoradios, HiFi-Anlagen)
  • Anime/Gaming: Final Fantasy, Dragon Ball, Evangelion
  • Minimal: Aufgeräumte Designs ohne Schnickschnack
Bild: Collage aus 6 verschiedenen Winamp-Skins - Classic, Alien, Autoradio, Anime, Neon, Minimal

Milkdrop - Musik sehen

Visualisierungen waren ein fester Bestandteil von Winamp. Drück auf das kleine Rechteck, und plötzlich tanzten Farben und Formen zur Musik. Das Standard-Plugin war nett. Aber Milkdrop war ein Trip.

Ryan Geiss programmierte Milkdrop als Winamp-Plugin. Es nutzte die Grafikkarte, um in Echtzeit psychedelische Muster zu erzeugen, die auf den Beat reagierten. Bassline rein - die Grafik explodierte. Leiser Moment - sanfte Wellen. Wer Milkdrop im Vollbildmodus laufen liess, kam 20 Minuten später wieder zu sich und fragte sich, wo die Zeit geblieben war.

Auf WG-Partys lief Milkdrop über den Beamer an der Wand. Bessere Lightshow gab es nicht für null Euro.

Der Equalizer und die Playlist

Winamp hatte einen vollwertigen Equalizer mit 10 Bändern. Die meisten Nutzer schoben die Regler einmal in eine "V"-Form (mehr Bass und Höhen) und fassten sie nie wieder an. Aber er war da. Und er funktionierte.

Die Playlist war simpel und mächtig. Drag and Drop, Shuffle, Repeat. Du konntest ganze Ordner reinziehen. Wer seine MP3-Sammlung ordentlich in Ordnern organisiert hatte (Interpret/Album/Track), konnte in Sekunden eine Playlist für den ganzen Abend bauen.

Und dann war da Shoutcast. Nullsoft baute ein eigenes Streaming-Protokoll. Jeder mit einer halbwegs stabilen Internetverbindung konnte sein eigenes Internetradio betreiben. Tausende von Shoutcast-Stationen entstanden - von obskurem Techno bis zu Leuten, die einfach ihre Plattensammlung streamten.

AOL kauft Nullsoft

Im Juni 1999 kaufte AOL Nullsoft für rund 80 Millionen Dollar. Justin Frankel war 20 Jahre alt. Derselbe Konzern, der auch ICQ gekauft hatte, besass nun den beliebtesten Mediaplayer und den beliebtesten Messenger.

Frankel passte nicht in eine Konzernstruktur. Er entwickelte heimlich WASTE, ein dezentrales Filesharing-Netzwerk. AOL zog es sofort offline. Frankel ging 2004 und gründete Cockos, die Firma hinter der Audio-Software Reaper. Winamp blieb bei AOL zurück - und verkümmerte.

Winamp 5 und der Niedergang

Winamp 3 war ein Desaster. Komplett umgeschrieben, langsam, instabil. Die Community hasste es. Winamp 5 (ja, sie übersprangen die 4 - "nobody wants to see Winamp 4-skin") war besser, aber die goldene Zeit war vorbei. iTunes hatte den Mainstream übernommen. Smartphones machten Desktop-Player irrelevant.

2013 sollte Winamp eingestellt werden. Die Webseite zeigte eine Abschiedsnachricht. Dann kaufte die belgische Firma Radionomy die Marke. Jahrelang passierte nichts.

Open Source 2024

Im September 2024 wurde der Winamp-Quellcode veröffentlicht. Nicht unter einer klassischen Open-Source-Lizenz, sondern unter der eigens geschriebenen "Winamp Collaborative License". Die Community reagierte gemischt. Endlich der Code - aber mit Einschränkungen. Forks sind nicht erlaubt, nur Beiträge zum Hauptprojekt.

Trotzdem war es ein Moment. Der Player, den Millionen geliebt hatten, war plötzlich einsehbar. Entwickler stürzten sich auf den Code und fanden Artefakte aus 25 Jahren Softwaregeschichte.

Warum alle Winamp geliebt haben

Winamp war schnell. Winamp war klein. Winamp spielte alles ab. In einer Zeit, in der der Windows Media Player minutenlang lud und RealPlayer Spyware installierte, war Winamp ehrlich. Kein Bloatware, keine versteckten Toolbars, keine Registrierung.

Dazu kam die Haltung. Der Llama-Spruch, die Skins, die Plugins - alles sagte: Das hier ist dein Player. Mach damit, was du willst. Diese Philosophie traf den Nerv einer Generation, die gerade das Internet entdeckte und alles selbst gestalten wollte.

Wer auf denselben Rechnern auch gezockt hat, erinnert sich vielleicht an Moorhuhn - das kleine Spiel, das im selben Zeitraum durch Büros und Kinderzimmer fegte. Zusammen mit ICQ im Hintergrund war das die heilige Dreifaltigkeit des späten 90er-Desktops.