Die Gründung

Ehssan Dariani und Dennis Bemmann starteten StudiVZ im Oktober 2005 in Berlin. Die Idee war simpel: ein soziales Netzwerk nur für Studierende in Deutschland. Dass Facebook zu diesem Zeitpunkt genau das Gleiche in den USA machte, war kein Zufall. StudiVZ war eine ziemlich offensichtliche Kopie - vom Layout bis zur Farbgebung.

Das störte anfangs niemanden. Facebook war in Deutschland unbekannt. StudiVZ hingegen breitete sich wie ein Lauffeuer durch die Universitäten aus. Erst Berlin, dann Hamburg, dann der Rest. Binnen Monaten hatte jeder Student einen Account.

Bild: StudiVZ Profilseite mit Pinnwand, Gruppen und Fotoalben auf einem 2007er-Browser

Die Features - mehr als nur ein Profil

Gruscheln

Das Wort "gruscheln" gab es vorher nicht. StudiVZ erfand es. Ein Gruschel war ein digitales Anstupsen - eine Mischung aus "grüssen" und "kuscheln". Praktisch bedeutete es: Ich denke an dich, aber ich habe nichts zu sagen. Ein nonverbaler Flirt-Knopf.

Gruscheln wurde inflationär eingesetzt. Nach dem Feiern gruschelte man die Person, mit der man sich unterhalten hatte. Vor Seminaren gruschelte man den Schwarm. Es war unverbindlich genug, um nicht peinlich zu sein, und deutlich genug, um ein Signal zu senden.

Pinnwand

Die Pinnwand war das Herzstück jedes Profils. Hier schrieben Freunde öffentlich sichtbare Nachrichten. "Geile Party gestern!", "Wann ist nochmal die Klausur?" oder einfach Insider-Witze, die nur der Empfänger verstand.

Die Pinnwand war öffentlich. Jeder konnte lesen, was andere dir schrieben. Das führte zu einer eigenen Form der Performance. Wer eine volle Pinnwand hatte, war beliebt. Wer eine leere hatte, war entweder neu oder unsichtbar.

Gruppen

Die Gruppen waren das eigentliche Phänomen. Nicht wegen ihrer Funktion - in den meisten Gruppen passierte nichts. Sondern wegen ihrer Namen. StudiVZ-Gruppen waren Identitätserklärungen:

  • "Ich habe mehr Gruppen als Freunde"
  • "Ich rede im Schlaf"
  • "Ich drücke an Türen, auf denen ZIEHEN steht"
  • "Komasaufen - Ich mach das beruflich"
  • "Mein Nachbar in der Klausur weiss auch nichts"

Die Gruppennamen waren oft lustiger als alles, was in den Gruppen selbst geschrieben wurde. Tausende Nutzer traten Gruppen nur bei, damit sie auf dem Profil erschienen. Es war eine Art Sticker-Album für die eigene Persönlichkeit.

Bild: StudiVZ Gruppenübersicht mit absurden Gruppennamen und Mitgliederzahlen

"Wer hat mein Profil besucht?"

Das Feature, das StudiVZ berühmt und berüchtigt machte. Du konntest sehen, wer dein Profil angeschaut hatte. Namentlich. Mit Zeitstempel.

Das war grossartig und furchtbar zugleich. Grossartig, wenn der Schwarm aus dem Seminar dein Profil besuchte. Furchtbar, wenn du selbst beim Stalken erwischt wurdest. Drei Uhr morgens das Profil der Ex anschauen? Lieber nicht, das sieht man.

Manche Nutzer checkten die Besucherliste obsessiv. Mehrmals täglich. Wer war da? Warum? Kennt die Person mich? Es war ein Dopamin-Lieferant, der heutigen Instagram-Insights in nichts nachstand. Nur persönlicher. Und etwas gruseliger.

Facebook übernahm dieses Feature nie. Ob das klug war oder nicht, darüber lässt sich streiten. Fakt ist: Kein anderes Social Network hat es je so konsequent umgesetzt.

85 Millionen Euro von Holtzbrinck

Im Januar 2007 kaufte die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck StudiVZ für angeblich 85 Millionen Euro. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Plattform mehrere Millionen aktive Nutzer und wuchs täglich. Der Deal schien vernünftig.

Holtzbrinck war ein Medienverlag. Kein Tech-Unternehmen. Das wurde schnell sichtbar. Die Weiterentwicklung ging langsam voran. Wichtige Features fehlten. Die mobile Version kam zu spät. Eine API für Drittanbieter gab es nicht. Während Facebook Entwicklern die Plattform öffnete und FarmVille und Co. die Nutzerzahlen explodierten liess, blieb StudiVZ verschlossen.

SchülerVZ und MeinVZ

Um zu wachsen, lancierte Holtzbrinck zwei Ableger. SchülerVZ richtete sich an Schüler ab 12 Jahren. MeinVZ war für alle, die kein Student waren. Die Grundidee war dieselbe, nur mit angepasstem Branding.

SchülerVZ war zeitweise grösser als StudiVZ selbst. Millionen Teenager meldeten sich an. Die Gruppen waren noch absurder, die Pinnwände noch chaotischer. Aber es gab auch Probleme. Datenschutz für Minderjährige war ein heikles Thema. Mehrere Datenlecks sorgten für Negativschlagzeilen.

MeinVZ hingegen kam nie richtig in Fahrt. Wer nicht Student und nicht Schüler war, nutzte längst Facebook oder gar nichts.

Warum StudiVZ scheiterte

Die kurze Antwort: Facebook. Die lange Antwort ist komplizierter.

Kein Mobile

2008 kam das iPhone nach Deutschland. StudiVZ hatte keine brauchbare mobile Version. Facebook hatte eine App. Wer unterwegs online ging, nutzte Facebook. Wer Facebook unterwegs nutzte, nutzte es auch zu Hause. Ein Teufelskreis.

Keine Innovation

StudiVZ blieb stehen. Keine neuen Features, keine Spiele, keine Anbindung an andere Dienste. Facebook lieferte ständig Neues. Der News Feed allein veränderte die Art, wie Menschen soziale Netzwerke nutzten.

Das Netzwerk-Problem

Sobald genug Freunde bei Facebook waren, gab es keinen Grund mehr, bei StudiVZ zu bleiben. Ein soziales Netzwerk ist nur so gut wie die Leute, die darauf sind. Der Exodus war schleichend, aber unaufhaltsam. Erst gingen die Trendsetter. Dann die Mitläufer. Am Ende blieben leere Profile.

Es erinnert an den Niedergang von ICQ. Auch dort wanderten Nutzer ab, sobald das Netzwerk woanders war. Die Technologie war nicht das Problem. Die Masse war es.

Das Ende

SchülerVZ wurde 2013 abgeschaltet. StudiVZ und MeinVZ folgten schrittweise. 2017 verschwanden die letzten aktiven Profile. Im Mai 2022 wurde die Domain endgültig eingestellt. Kein Archiv, kein Export. Pinnwandeinträge, Fotoalben, Gruppenmitgliedschaften - alles weg.

2024 tauchte unter studivz.net eine Retro-Version auf, betrieben von einem neuen Team. Eine Seite voller Nostalgie, aber ohne die kritische Masse, die ein soziales Netzwerk braucht.

Was bleibt

StudiVZ war für viele Deutsche der erste Kontakt mit einem sozialen Netzwerk. Vorher gab es Foren und ICQ. Danach kam Facebook. StudiVZ lag dazwischen - in einer kurzen, intensiven Phase, in der sich das deutsche Internet von einer Nische zum Mainstream entwickelte.

Wer damals studierte, erinnert sich an die erste Gruschel-Benachrichtigung, an die stundenlange Suche nach der perfekten Gruppe und an die Panik, wenn der Ex das Profil besucht hatte. Das war kein Facebook. Das war etwas Eigenes. Und es kam zu früh, um zu überleben.

Immerhin hattest du auf StudiVZ noch Zeit für andere Dinge. Zum Beispiel Winamp aufdrehen und eine Runde Moorhuhn spielen.