Die CD-Flut

AOL hat zwischen 1993 und 2006 weltweit geschätzt 1 Milliarde CDs verschickt. Eine Milliarde. In Deutschland lagen sie in der Computerbild, der Bravo, der TV Movie. Sie fielen aus Zeitschriften. Sie steckten in Cornflakes-Packungen. Sie lagen im Briefkasten. Ungefragt.

Jede CD versprach kostenlose Internet-Stunden. "50 Stunden gratis!" stand drauf. Oder 100. Oder "Einen Monat kostenlos testen!" Die Marketingstrategie war simpel und brutal: Überall sein. Jeder Haushalt. Jede Oberfläche. Wer eine AOL-CD fand und einen PC besass, sollte es zumindest versuchen.

Die CDs wurden zu Untersetzer, Frisbees und Deko. Bastler bauten Vogelscheuchen daraus. Andere sammelten sie ironisch. Einen Mangel an AOL-CDs hatte in Deutschland niemand.

Bild: Sammlung verschiedener AOL-CDs und -Disketten aus den Jahren 1997 bis 2003

"Bin ich schon drin?"

1999 buchte AOL Deutschland Boris Becker als Werbefigur. Der Spot wurde Kult. Becker sitzt vor dem Computer, klickt sich durch die AOL-Installation und fragt ungläubig: "Bin ich schon drin?" Dann: "Ja, ich bin schon drin!"

Der Werbespot traf den Nerv der Zeit. Millionen Deutsche hatten Angst vor dem Internet. Es war technisch, kompliziert, unbekannt. Boris Becker - Sportstar, kein Technik-Nerd - zeigte: Wenn ich das kann, kannst du das auch. Die Kampagne lief über Jahre und wurde mehrfach variiert.

In Umfragen war "Bin ich schon drin?" zeitweise einer der bekanntesten Werbesprüche Deutschlands. AOL hatte damit geschafft, was T-Online und CompuServe nicht gelungen war: Internet als einfach zu verkaufen. Nicht als Technik, sondern als Erlebnis.

Das Walled Garden

AOL war kein normaler Internet-Provider. AOL war ein eigenes Universum. Nach der Einwahl landest du nicht im World Wide Web. Du landest auf der AOL-Startseite. Nachrichten, Wetter, E-Mail, Chatrooms - alles innerhalb von AOL. Das echte Internet war nur einen Klick entfernt, aber viele Nutzer haben es nie gefunden.

Das Keyword-System war das Herzstück. Statt einer URL tipptest du ein Keyword ein. "Keyword: Nachrichten" brachte dich zu den AOL-News. "Keyword: Reisen" zu den AOL-Reiseangeboten. Das war einfacher als URLs. Und es hielt die Nutzer im AOL-Kosmos.

Für Einsteiger war das perfekt. Kein Vertippen von www-Adressen. Keine 404-Fehler. Alles kuratiert, alles aufgeräumt. Für erfahrene Nutzer war es ein goldener Käfig. Du zahltest für etwas, das es im freien Internet kostenlos gab. Aber du wusstest es nicht.

"Sie haben Post"

Der Sound. Diese freundliche Stimme beim Login: "Sie haben Post!" In den USA war es "You've got mail!" - so berühmt, dass ein Kinofilm danach benannt wurde (1998, mit Tom Hanks und Meg Ryan). Die deutsche Version war weniger ikonisch, aber genauso prägend.

AOL-Mail war für Millionen die erste E-Mail-Adresse. vorname@aol.com. Das Format war einfach, die Adressen einprägsam. Wer eine AOL-Adresse hatte, war offiziell online. In einer Zeit, in der Freemail-Dienste wie GMX und web.de noch klein waren, war AOL-Mail für viele der Einstieg in die digitale Kommunikation.

Das E-Mail-System war in die AOL-Software integriert. Kein separates Programm. Kein Outlook konfigurieren. Du hast dich eingewählt, und deine Mails waren da. Einfach. So einfach, dass viele AOL-Nutzer gar nicht wussten, dass E-Mail auch ohne AOL funktioniert.

Die Chatrooms

AOL-Chatrooms waren legendär. Thematisch sortiert, von "Flirten ab 30" bis "Fussball-Talk". Die Rooms waren moderiert - zumindest theoretisch. In der Praxis war es chaotisch. A/S/L (Age/Sex/Location) war die universelle Eröffnungsfrage. 18/m/Hamburg. 22/w/München. Ob die Angaben stimmten, stand auf einem anderen Blatt.

Für viele Deutsche waren die AOL-Chatrooms der erste Kontakt mit Fremden im Internet. Vor ICQ, vor Foren, vor allem. Du gingst in einen Raum, und da waren 23 andere Menschen. Anonym. Aus ganz Deutschland. Das war 1998 ein echtes Erlebnis.

AIM - AOL Instant Messenger

Neben den Chatrooms gab es den AOL Instant Messenger. AIM war in den USA der dominierende Messenger - grösser als ICQ, grösser als MSN. In Deutschland hatte AIM nie dieselbe Bedeutung. Hier dominierte ICQ. Aber wer AOL nutzte, hatte AIM automatisch dabei.

Die Buddy List von AIM funktionierte ähnlich wie die ICQ-Kontaktliste. Online, Offline, Away. Der gelbe laufende Mann als Icon. Die Away Messages wurden zur Kunstform - manche Nutzer formulierten sie wie Tagebucheinträge. "Bin essen. Life is pain. Meld mich später."

Bild: AOL 5.0 Startseite mit Keyword-Leiste, Chatroom-Zugang und "Sie haben Post"-Button

Der Aufstieg: 2,6 Millionen in Deutschland

Anfang 2001 hatte AOL Deutschland 2,6 Millionen zahlende Abonnenten. Zahlende. Nicht Free-Trial-Nutzer, sondern Kunden mit Lastschrift. Bei einer Internet-Durchdringung von rund 30 Prozent war das ein gewaltiger Anteil. AOL war zeitweise der zweitgrösste Internet-Provider Deutschlands nach T-Online.

Der Erfolg hatte Gründe. AOL war einfach. Die Installation dauerte Minuten. Die Software führte durch jeden Schritt. Kein Modem-Treiber konfigurieren, keine DNS-Einstellungen. CD rein, installieren, einwählen, fertig. Für eine Generation, die "Internet" noch buchstabieren musste, war das genau richtig.

Der Time-Warner-Desaster

Im Januar 2000 fusionierte AOL mit Time Warner. Es war der grösste Firmenzusammenschluss der Geschichte. 164 Milliarden Dollar. AOL war der Käufer - ein Internet-Unternehmen übernahm einen Medienkonzern. Es galt als Zeichen, dass das Internet die alte Medienwelt verschluckt.

Es wurde das grösste Desaster der Wirtschaftsgeschichte. Die Dotcom-Blase platzte. Der Wert von AOL Time Warner fiel um 200 Milliarden Dollar. Massenentlassungen. Strategiechaos. 2003 wurde "AOL" aus dem Firmennamen gestrichen. Die Fusion gilt bis heute als Paradebeispiel für unternehmerisches Versagen.

Der Niedergang

Ab 2002 verlor AOL in Deutschland monatlich Zehntausende Kunden. DSL machte den Einwahl-Zugang überflüssig. T-Online und 1&1 boten schnelleres Internet für weniger Geld. Und das freie Web bot alles, was AOL hatte - nur besser und kostenlos.

2007 stellte AOL Deutschland den Einwahl-Dienst ein. Die verbliebenen Kunden wurden auf Breitband umgestellt oder verloren. Die AOL-Software verschwand von den Rechnern. Die CDs lagen noch jahrelang in Schubladen. Manche liegen dort vermutlich immer noch.

Was bleibt, ist der Sound der Einwahl, die Stimme, die "Sie haben Post" sagte, und eine Generation, die durch AOL zum ersten Mal online ging. Und Boris Becker, der fragte: "Bin ich schon drin?" Ja, Boris. Warst du. Wir alle waren es. Und dann hat uns Netscape das richtige Internet gezeigt.