Bevor Chatten ein Programm mit Blume im Symbolbereich war, war es eine Kommandozeile mit Farben. Du hast dich mit einem Server verbunden, dir einen Namen ausgedacht und einen Raum betreten, dessen Name mit einer Raute anfing. Wer drin war, sah deine Zeile sofort. Wer nicht drin war, sah nie, dass du etwas geschrieben hattest.
Das Verfahren dahinter heißt Internet Relay Chat, kurz IRC, und das Programm, mit dem die meisten Windows-Nutzer darauf gestoßen sind, hieß mIRC.
IRC war schon acht Jahre alt, als es mIRC gab
Erfunden hat IRC im August 1988 ein finnischer Student namens Jarkko Oikarinen an der Universität Oulu. Er wollte das Chatprogramm einer Mailbox ersetzen, an der er arbeitete, und baute etwas, das über mehrere Server hinweg funktionierte. Aus dem Wochenendprojekt wurde ein Netz, das sich über Universitäten in ganz Europa und in die USA ausbreitete.
Berühmt wurde IRC durch zwei Ereignisse. Während des Golfkriegs 1991 liefen dort Lageberichte in Echtzeit, während die Fernsehsender noch auf Material warteten. Und im August 1991, beim Putschversuch in Moskau, kamen Meldungen aus der Stadt über IRC heraus, als andere Wege abgeschnitten waren. Das Netz war da schon das, was es die nächsten Jahrzehnte bleiben sollte: unauffällig, textbasiert und erstaunlich schwer kaputtzukriegen.
Nur brauchte man dafür ein Programm. Und auf einem Windows-Rechner von 1995 war das der Haken.
Ein Mann, ein Programm, zwanzig Dollar
Khaled Mardam-Bey veröffentlichte mIRC im Februar 1995. Es war kein Firmenprodukt, sondern die Arbeit einer einzigen Person, und es machte genau das Richtige: Es packte IRC in ein Fenster mit Menüs, Farben und einer Liste der Anwesenden am rechten Rand. Damit konnte plötzlich jeder mitmachen, der einen Rechner und eine Einwahl hatte.
Bezahlt wurde nach dem Modell der Zeit. Herunterladen kostenlos, ausprobieren dreißig Tage, danach ein Hinweisfenster beim Start, das dich freundlich, aber beharrlich an die Registrierung erinnerte. Es hat niemanden ausgesperrt. Es hat nur gefragt.
Seite im Archiv besuchen1234Bildschirmfoto der archivierten Seite www.mirc.co.uk vom 22. Januar 1998, Internet Archive Wayback Machine
- Neun Spiegelserver von Utah bis Kuwait, dazu die Bitte, sich den schnellsten als Lesezeichen zu setzen. Eine Datei weltweit zum Herunterladen anzubieten war 1998 ein logistisches Problem, kein Häkchen in einer Verwaltungsoberfläche.
- Version 5.31, angekündigt in Rot mit zwei Ausrufezeichen. Programme wurden damals nicht still im Hintergrund aktualisiert, sie waren eine Nachricht auf der Startseite.
- Der Autor steht mit Namen auf der Startseite und ist verlinkt. Hinter dem Programm, mit dem Millionen Menschen chatteten, stand eine einzelne Person.
- Ein eigener Menüpunkt fürs Bezahlen. Shareware war ein Vertrauensmodell: Das Programm funktionierte auch ohne, es fragte nur immer wieder.
Server, Netz, Channel
Der Aufbau war anders als bei allem, was danach kam. Du hast dich nicht bei einem Dienst angemeldet, sondern mit einem Server verbunden. Dieser Server gehörte zu einem Netz, und Netze gab es viele: EFnet, Undernet, DALnet, IRCnet, später QuakeNet für die Spieler. Derselbe Raumname konnte in zwei Netzen zwei völlig verschiedene Gruppen bedeuten.
Im Netz gab es Räume, die Channels hießen und deren Namen mit einer Raute begannen. Betreten hast du sie mit einem Befehl, nicht mit einem Klick. Wer schrieb, schrieb an alle im Raum. Wer den Raum verließ, war weg, und was in seiner Abwesenheit gesagt wurde, bekam er nie zu sehen. Es gab keinen Verlauf, kein Nachladen, keine Offline-Nachricht.
Genau das ist der Unterschied zu ICQ, das ein Jahr später kam. ICQ hatte eine Kontaktliste und hob Nachrichten auf, bis der andere online war. IRC hatte Räume, und wer nicht da war, war nicht da. Beides hat funktioniert, aber für verschiedene Bedürfnisse.
Der Nickname war deine ganze Identität
Es gab keine Anmeldung und kein Konto. Du hast dir einen Namen gegeben, und der gehörte dir, solange du verbunden warst. Kam jemand anders früher, hattest du Pech und hängtest einen Unterstrich an. Wer seinen Namen auf Dauer sichern wollte, musste ihn bei einem Dienst des Netzes registrieren, und auch das war ein Befehl an ein Programm, keine Anmeldemaske.
Rang gab es trotzdem. Vor manchen Namen stand ein Klammeraffe, das waren die Operatoren des Raums. Sie konnten Leute hinauswerfen, aussperren und den Raum schließen. Ein Plus stand für Rederecht in Räumen, in denen nicht alle schreiben durften. Die ganze Sozialordnung eines Chatraums steckte in zwei Zeichen vor einem Namen.
Netsplit: wenn der halbe Raum verschwindet
Weil ein Netz aus vielen Servern bestand, konnte es auseinanderfallen. Verlor ein Server die Verbindung zu den anderen, waren plötzlich alle weg, die über ihn verbunden waren. Aus einem Raum mit achtzig Leuten wurden zwei Räume mit vierzig, jeder in dem Glauben, der andere Teil sei gegangen.
Kam die Verbindung zurück, kehrten alle auf einen Schlag wieder. Das hieß Netsplit, und es war Alltag. Für manche war es auch eine Gelegenheit: Wer im richtigen Moment einen leeren Raum betrat, war dessen Operator, wenn das Netz wieder zusammenwuchs. Ganze Auseinandersetzungen um Channels wurden so geführt.
DCC: Dateien, direkt von Rechner zu Rechner
Neben dem Chat konnte mIRC Dateien übertragen. Das lief nicht über den Server, sondern direkt zwischen zwei Rechnern, und hieß DCC. Damit war IRC lange vor Napster und eMule ein Ort, an dem Dateien den Besitzer wechselten. Es gab Räume, in denen Bots nichts anderes taten, als Listen anzubieten und auf Zuruf zu verschicken.
Der Unterschied zu den späteren Tauschbörsen war die Schwelle. Bei Napster tippte man einen Songtitel ein. Auf IRC musste man wissen, in welchem Netz, in welchem Raum, bei welchem Bot und mit welchem Befehl. Das hat vieles klein gehalten, im Guten wie im Schlechten.
Skripte, Bots und der ganze Basteltrieb
mIRC hatte eine eigene Skriptsprache, und das war der Grund, warum es sich so lange gehalten hat. Man konnte Begrüßungen automatisieren, sich vor Angriffen schützen, Textspielereien einbauen oder ein ganzes zweites Programm ins Programm setzen. Es gab Skriptsammlungen, die aus mIRC eine völlig andere Oberfläche machten.
Und es gab die Bots. Ein Bot war ein Programm, das dauerhaft in einem Raum saß, den Operator-Status hielt und dafür sorgte, dass der Raum nach einem Netsplit nicht in fremde Hände fiel. Wer einen Channel ernsthaft betrieb, hatte einen Bot, oder er hatte irgendwann keinen Channel mehr.
Warum es nie ganz verschwunden ist
Der Rückgang kam nicht durch einen besseren Chat, sondern durch bequemere. ICQ nahm die Gelegenheitsnutzer mit, später kamen Foren, Skype und irgendwann Discord. Discord ist im Kern dasselbe Prinzip: Server, Räume, Rollen, Rechte. Nur mit einer Firma dahinter, einem Konto und einem Verlauf, der nicht verschwindet.
IRC hat das nie gebraucht, und deshalb ist es noch da. Es gibt kein Unternehmen, das es abschalten könnte, und keinen Dienst, der eingestellt wird. Wer heute einen Server aufsetzt, hat ein IRC-Netz.
mIRC gibt es ebenfalls noch. Die aktuelle Fassung heißt Version 7.84, sie wird weiterentwickelt, und das Bezahlmodell ist unverändert: dreißig Tage ausprobieren, danach 19,95 Dollar für die private Nutzung. Dreißig Jahre dasselbe Programm mit derselben höflichen Erinnerung. Man muss sich das einmal vor Augen halten, während man an Dienste denkt, die es nach achtzehn Monaten nicht mehr gab.
Quellen
- mirc.co.uk am 22. Januar 1998 im Internet Archive
- mirc.com, die aktuelle Fassung und die Registrierungsbedingungen
- Internet Relay Chat bei Wikipedia
- mIRC bei Wikipedia




