Shawn Fanning und die Idee
Im Frühjahr 1999 sass Shawn Fanning in seinem Studentenwohnheim an der Northeastern University in Boston. Er war frustriert. MP3s im Internet zu finden war mühsam. Links auf Webseiten waren ständig tot. IRC-Channels unübersichtlich. Es musste einen besseren Weg geben.
Fanning war 19. Er programmierte seit der Highschool. In drei Monaten baute er einen Prototyp: Eine Software, die MP3-Dateien auf den Festplatten aller angeschlossenen Nutzer durchsuchbar machte. Peer-to-Peer. Kein zentraler Server für die Dateien selbst - nur ein Verzeichnis, das sagte, wer was hat.
Sein Onkel John Fanning und sein Freund Sean Parker halfen bei der Firmengründung. Parker war 19 - und würde später Facebook mitgründen. Im Juni 1999 ging Napster online.
80 Millionen Nutzer in 18 Monaten
Napster verbreitete sich wie ein Virus. Auf College-Campussen in den USA war es innerhalb von Wochen das meistgenutzte Programm. Universitäten mussten ihre Netzwerke aufrüsten, weil Napster-Traffic die Bandbreite verstopfte. Manche sperrten den Dienst komplett.
Im Februar 2001 hatte Napster 80 Millionen registrierte Nutzer. Zum Vergleich: Das gesamte Internet hatte damals geschätzt 400 Millionen Nutzer. Jeder fünfte Internetnutzer weltweit hatte Napster installiert.
Die Nutzung war simpel. Programm öffnen, Songtitel eingeben, Ergebnisse durchsuchen, downloaden. Je nach Verbindung dauerte ein Song zwischen 5 Minuten und einer Stunde. Über ein 56k-Modem war jeder Download ein Geduldsspiel. Wer DSL hatte, war König.
Die Suche nach dem perfekten Rip
Nicht jede MP3 war gleich. Bitrate war alles. 128 kbps war Standard. 192 kbps war gut. 320 kbps war Studio-Qualität - oder zumindest nah dran. Wer Ahnung hatte, filterte nach Bitrate. Wer keine hatte, lud den erstbesten Treffer und wunderte sich über den blechernen Klang.
Falsch benannte Dateien waren ein ständiges Problem. Du suchtest nach einem Lied, lädst 20 Minuten lang herunter - und dann war es ein anderer Song. Oder ein Ausschnitt einer Radiosendung. Oder eine Datei, die einfach nur Rauschen enthielt. Die Qualitätskontrolle war: Selbst reinhören. Danach in Winamp abspielen und hoffen.
Metallica gegen Napster
Am 13. April 2000 verklagte Metallica Napster. Drummer Lars Ulrich war ausser sich, als er erfuhr, dass ein Demo-Track der Band vor dem offiziellen Release auf Napster auftauchte. Die Klage richtete sich gegen Napster, drei Universitäten und 335.435 einzelne Nutzer.
Ulrich wurde zur Hassfigur der Napster-Community. T-Shirts mit "Lars is greedy" tauchten auf. Fans argumentierten: Musik will frei sein. Musiker argumentierten: Wir wollen bezahlt werden. Beide Seiten hatten Punkte. Keine Seite hörte der anderen zu.
Dr. Dre schloss sich der Klage kurz darauf an. Die Recording Industry Association of America (RIAA) und der Verband A&M Records zogen ebenfalls vor Gericht. Napster stand plötzlich von allen Seiten unter Beschuss.
Der Prozess: A&M Records v. Napster
Das Verfahren A&M Records, Inc. v. Napster, Inc. wurde zum Präzedenzfall. Napsters Verteidigung: Wir hosten keine Dateien. Wir stellen nur die Verbindung her. Das Gericht sah das anders.
Am 12. Februar 2001 urteilte das Berufungsgericht: Napster ermöglicht wissentlich Urheberrechtsverletzungen. Der Dienst müsse alle urheberrechtlich geschützten Inhalte entfernen. Das war technisch ein Todesurteil. Die gesamte Bibliothek bestand aus urheberrechtlich geschützter Musik.
Napster versuchte Filter einzubauen. Dateinamen wurden gesperrt. Die Nutzer reagierten kreativ: Aus "Metallica - Enter Sandman" wurde "M3tallica - 3nter Sandm4n". Ein Katz-und-Maus-Spiel, das Napster nicht gewinnen konnte.
Der Shutdown: Juli 2001
Am 11. Juli 2001 schaltete Napster seine Server ab. 79 Tage nach dem Gerichtsurteil. Von 80 Millionen Nutzern auf null - innerhalb eines Tages.
Die Firma versuchte einen Neustart als legaler Musikdienst. Verhandlungen mit den grossen Labels zogen sich hin. Im Juni 2002 meldete Napster Insolvenz an. Die Marke wurde mehrfach verkauft. Heute gehört "Napster" einem Streaming-Dienst, der mit dem Original nur den Namen teilt.
Der kulturelle Shift
Napster veränderte nicht nur die Musikindustrie. Es veränderte die Erwartung, wie Medien konsumiert werden. Vor Napster war klar: Musik kostet Geld. Nach Napster war klar: Musik ist überall verfügbar. Die Frage war nur noch, ob legal oder illegal.
Die Musikindustrie brauchte Jahre, um zu reagieren. iTunes startete 2003 - zwei Jahre nach Napsters Ende. Spotify kam 2008. Beide basieren auf der Erkenntnis, die Napster erzwungen hatte: Leute zahlen nicht für den Besitz von Musik. Sie zahlen für den bequemen Zugang.
Zwischen Napsters Tod und Spotifys Aufstieg lag eine wilde Phase. Kazaa, LimeWire, eMule, BitTorrent - die Nachfolger waren dezentraler und damit schwerer zu stoppen. Die RIAA verklagte tausende Einzelpersonen. Eltern erhielten Abmahnungen über zehntausende Dollar, weil ihre Kinder Songs heruntergeladen hatten.
Shawn Fannings Vermächtnis
Fanning baute Napster mit 19. Er veränderte damit eine Branche, die sich seit Jahrzehnten nicht bewegt hatte. Das Peer-to-Peer-Prinzip, das er populär machte, lebt in BitTorrent, in Blockchain-Technologie, in dezentralen Netzwerken weiter.
Sean Parker, Napsters Co-Gründer, wurde später Gründungspräsident von Facebook. Die Denkweise - eine Plattform bauen, die Nutzer verbindet, und sich später um die Konsequenzen kümmern - prägte das Silicon Valley der folgenden Dekade.
Was bleibt
Napster existierte als relevanter Dienst weniger als zwei Jahre. Trotzdem hat kaum eine Software die Welt stärker verändert. Es war der Beweis, dass das Internet bestehende Geschäftsmodelle über Nacht zerstören kann. Und dass 80 Millionen Nutzer stärker sind als jede Rechtsabteilung - zumindest für eine Weile.
Die Songs, die damals über Napster liefen, hörte man in Winamp. Die Verbindung dafür kam über ein 56k-Modem. Und während der Download lief, chattete man auf ICQ. Alles gleichzeitig. Alles auf einem Rechner. Multitasking der späten 90er.