Nach Napster: Die Hydra wächst
Napster wurde 2001 per Gerichtsbeschluss abgeschaltet. Die Musikindustrie feierte. Zu früh. Denn Napster hatte einen zentralen Server gehabt - einen einzelnen Punkt, den man abschalten konnte. Die nächste Generation war schlauer. Dezentrale Netzwerke, kein einzelner Server, keine zentrale Kontrolle.
Kazaa erschien 2001. Entwickelt von den Niederländern Niklas Zennström und Janus Friis - denselben Leuten, die später Skype gründeten. Kazaa nutzte das FastTrack-Netzwerk. Kein zentraler Server. Jeder Nutzer war gleichzeitig Client und Teil des Netzwerks. Die RIAA konnte klagen, so viel sie wollte. Es gab niemanden, den man abschalten konnte.
Kazaa - der Napster-Nachfolger
Kazaa Media Desktop wurde innerhalb weniger Monate zur meistgeladenen Software im Internet. Im Sommer 2003 hatte die offizielle Website mehr Downloads als jede andere Seite weltweit. Mehr als Google. Mehr als Microsoft.
Die Oberfläche war simpel. Suchbegriff eingeben, Ergebnisse durchscrollen, Download starten. Die Sortierung zeigte Dateigrösse, Qualität und Quellen an. Je mehr Quellen, desto schneller der Download. Das Prinzip war genial. Die Umsetzung hatte einen Haken.
Kazaa war vollgestopft mit Spyware. Cydoor, B3D Projector, TopSearch - mindestens drei Adware-Programme wurden bei der Installation mitgeliefert. Pop-ups explodierten auf dem Desktop. Die Festplatte ratterte ununterbrochen. Manche Rechner waren nach einer Kazaa-Installation praktisch unbenutzbar.
eMule und das eDonkey-Netzwerk
Wer es seriöser wollte, nutzte eMule. Die Software erschien 2002 als Open-Source-Alternative. Sie basierte auf dem eDonkey2000-Netzwerk - einem P2P-Protokoll, das besonders in Europa beliebt war.
eMule war technisch ausgefeilter als Kazaa. Das Kreditsystem belohnte Nutzer, die viel teilten, mit schnelleren Downloads. Wer nur saugte und nichts hochlud, landete in der Warteschlange ganz hinten. Fairness war eingebaut.
Die Server-Listen waren ein eigenes Thema. Du brauchtest aktuelle Server-Adressen, um dich mit dem Netzwerk zu verbinden. Websites wie eDonkey-Server.net lieferten regelmässig aktualisierte Listen. Ging ein Server offline, suchtest du nach einem neuen. Es war wie ein ständiges Katz-und-Maus-Spiel.
eMule vs. Kazaa
- Kazaa: Schnell installiert, einfach zu bedienen, voller Spyware
- eMule: Open Source, sauber, aber komplizierter einzurichten
- Kazaa: FastTrack-Netzwerk, primär Musik und kleine Dateien
- eMule: eDonkey/Kad-Netzwerk, stark bei grossen Dateien
- Kazaa: Ab 2003 im Sinkflug wegen Klagen und Spyware
- eMule: Aktiv bis Ende der 2000er, Community pflegte den Code
Download-Geschwindigkeit: Geduld als Tugend
Über ein 56k-Modem dauerte der Download eines Albums die ganze Nacht. Nicht übertrieben. 50 bis 70 Megabyte bei maximal 5 KB/s - das waren 3 bis 4 Stunden. Wenn die Verbindung stabil blieb. Wenn niemand anrief und die Leitung kappte. Wenn der Anbieter die Verbindung nicht nach 2 Stunden trennte.
Du hast den Download abends gestartet, den Monitor ausgeschaltet und gehofft, dass am nächsten Morgen alles fertig war. Oft genug war es das nicht. Abgebrochene Downloads mussten manuell fortgesetzt werden. eMule konnte das besser als Kazaa - ein weiterer Punkt für die Open-Source-Lösung.
ISDN brachte 128 kbit/s. DSL ab 2002 dann 768 kbit/s. Plötzlich ging ein ganzes Album in 15 Minuten. Das fühlte sich an wie Zeitreise.
Fake-Dateien und Viren
Nicht jede Datei enthielt, was der Name versprach. "Metallica - Master of Puppets.mp3" konnte alles sein. Der richtige Song. Eine schlechte Kopie. Ein Ausschnitt von 30 Sekunden. Oder eine Datei, die beim Öffnen den Rechner mit einem Trojaner infizierte.
Die Musikindustrie schleuste absichtlich Fake-Dateien in die Netzwerke. Madonna selbst nahm eine Botschaft auf: "What the fuck do you think you're doing?" - versteckt in einer Datei, die wie ihr neues Album aussah. Die Aktion ging nach hinten los. Fans waren wütend, nicht beschämt.
Viren waren ein echtes Problem. EXE-Dateien, die als MP3 getarnt waren. RAR-Archive mit "Crack.exe" darin. Wer kein Antivirenprogramm hatte - und viele hatten keins - war schnell infiziert. Die Tauschbörsen-Ära hat den Markt für Antivirensoftware massiv angekurbelt.
Die anderen: LimeWire und BearShare
Kazaa und eMule waren die Grössten. Aber es gab Dutzende weitere Clients. LimeWire nutzte das Gnutella-Netzwerk und war besonders in den USA beliebt. Die Oberfläche war cleaner als Kazaa, die Spyware weniger aggressiv. BearShare war eine Alternative im selben Netzwerk.
Morpheus startete auf dem FastTrack-Netzwerk (wie Kazaa), wechselte dann zu Gnutella. Die Software-Landschaft war fragmentiert. Jeder hatte seinen Favoriten. Manche liefen mehrere Clients parallel - eMule für grosse Dateien, LimeWire für schnelle MP3-Suche.
RIAA, Klagen und das Ende
Die Recording Industry Association of America (RIAA) klagte nicht nur gegen die Software-Hersteller. Ab 2003 verklagte sie einzelne Nutzer. Tausende von ihnen. Studenten, Rentner, sogar eine 12-Jährige aus New York. Die Strafen lagen bei mehreren Tausend Dollar pro geteiltem Song.
In Deutschland reagierte die Musikindustrie ähnlich. Abmahnwellen trafen Filesharer ab 2004. Die Kanzlei Rasch aus Hamburg wurde zum Schrecken jedes eMule-Nutzers. 500 bis 1.000 Euro pro abgemahntem Song. Für viele war das ein Schock - sie hatten nicht gewusst, dass Teilen strafbar war.
Kazaa einigte sich 2006 auf einen Vergleich mit den Plattenlabels. 115 Millionen Dollar. Die Software war da längst irrelevant. eMule existierte technisch weiter, aber die Nutzerzahlen sanken. BitTorrent übernahm. Und dann kam Spotify. Legales Streaming für 10 Euro im Monat löste das Problem eleganter als jede Klage.
Was bleibt
Die Tauschbörsen-Ära war chaotisch, riskant und aufregend. Sie hat gezeigt, dass Menschen Musik digital konsumieren wollen. Die Industrie brauchte Jahre, um das zu verstehen. Kazaa und eMule waren die Werkzeuge einer Übergangszeit - zwischen physischen CDs und Spotify-Playlists.
Wer damals seine MP3-Sammlung mühsam aufgebaut hat, weiss den Wert von "Alle Songs der Welt für 10 Euro" heute zu schätzen. Und wer Winamp geöffnet hat, um den frisch geladenen Song abzuspielen, erinnert sich an das Gefühl: Die Datei ist fertig. Der Song startet. Es hat sich gelohnt.