56 kbit/s - was heisst das konkret?
56 Kilobit pro Sekunde war die theoretische Maximalgeschwindigkeit. Theoretisch. In der Praxis kamen 40 bis 50 kbit/s an. Umgerechnet in Kilobyte: 3 bis 5 KB pro Sekunde. Zum Vergleich: Ein durchschnittlicher DSL-Anschluss heute liefert 50.000 KB pro Sekunde. Das ist das Zehntausendfache.
Was bedeutet das im Alltag? Du konntest eine Textseite laden. Langsam, aber es ging. Ein Foto? 30 Sekunden bis 2 Minuten, je nach Grösse. Das Bild baute sich zeilenweise auf dem Bildschirm auf. Von oben nach unten. Du konntest zusehen, wie es Pixel für Pixel erschien.
Download-Zeiten: Die harte Realität
Hier ein paar konkrete Zahlen. Bei 5 KB/s - einem guten 56k-Modem mit stabiler Leitung.
Typische Downloads mit 56k
- 1 E-Mail (10 KB): 2 Sekunden
- 1 Webseite (50 KB): 10 Sekunden
- 1 JPEG-Foto (200 KB): 40 Sekunden
- 1 MP3-Song (4 MB): 13 Minuten
- 1 Album (50 MB): knapp 3 Stunden
- 1 Spiel-Demo (100 MB): 6 Stunden
- Windows Update (200 MB): 12 Stunden
- 1 Film (700 MB): Vergiss es. 40+ Stunden.
Und diese Zeiten galten nur, wenn die Verbindung stabil blieb. Ein Anruf auf der Telefonleitung, ein Timeout beim Provider, ein Gewitter - und der Download brach ab. Manche Programme konnten Downloads fortsetzen. Viele nicht. Dann begann alles von vorn.
Die Telefonleitung war blockiert
Das 56k-Modem nutzte die normale Telefonleitung. Wer im Internet war, konnte nicht telefonieren. Wer telefonierte, konnte nicht ins Internet. Das war der grösste Alltagskonflikt der späten 90er. Eltern wollten erreichbar sein. Kinder wollten ICQ nutzen. Beides gleichzeitig ging nicht.
"Geh aus dem Internet, ich muss telefonieren!" - dieser Satz fiel in deutschen Haushalten millionenfach. Manche Familien vereinbarten feste Online-Zeiten. Andere legten sich eine zweite Telefonleitung nur fürs Internet. Das kostete extra, löste aber den Dauerstreit.
Die Situation wurde absurd, wenn jemand von aussen anrief. Das Modem verlor die Verbindung. Der Einwahl-Sound begann von vorn. Alles, was du gerade geladen hast, war weg. Anklopfen war der natürliche Feind des Internet-Nutzers.
Abrechnung nach Minuten
Es war nicht nur langsam. Es war auch teuer. T-Online, der grösste deutsche Provider, rechnete nach Minuten ab. Ortsgesprächstarif. Tagsüber rund 3 Pfennig pro Minute, abends günstiger. Eine Stunde Internet am Tag kostete je nach Tageszeit 1,80 bis 3,60 DM. Im Monat summierten sich schnell 50 bis 100 DM.
Kinder lernten schnell, wann die Telefontarife wechselten. Ab 18 Uhr wurde es billiger. Nachts am günstigsten. Die Internet-Heavy-User waren Nachtmenschen - nicht aus Überzeugung, sondern weil die Minute um Mitternacht am wenigsten kostete.
Manche Provider boten Flatrates an. AOL, freenet, 1&1. "Surfen ohne Limit" klang traumhaft. In der Praxis trennte der Provider die Verbindung nach 2 Stunden automatisch. Reconnect, neu einwählen, weitersurfen. Das war die Flatrate der späten 90er.
Typische Kosten pro Monat (um 1999)
- T-Online by Call: 50-100 DM je nach Nutzung
- AOL Flatrate (29,90 DM): Stundenabrechnung nach Kontingent
- freenet (kostenlos): Nur Telefongebühren, kein Grundpreis
- Compuserve: Teuer. Stundensätze plus Grundgebühr
ISDN - der Zwischenschritt
Wer sich ISDN leisten konnte, hatte es besser. 64 kbit/s pro Kanal, zwei Kanäle bündelbar auf 128 kbit/s. Das war doppelt so schnell wie ein 56k-Modem. Ausserdem konntest du gleichzeitig telefonieren und surfen - auf getrennten Kanälen.
Die ISDN-Einwahl war schneller. Kein analoger Handshake, kein Quietschen. Innerhalb von 2 Sekunden stand die Verbindung. Und ISDN war digital. Sauberer, stabiler, weniger Verbindungsabbrüche. Für viele war ISDN das erste echte Upgrade.
Der Nachteil: ISDN kostete Grundgebühr. Die Telekom verlangte rund 45 DM pro Monat nur für den Anschluss. Plus die Minutenpreise fürs Surfen. ISDN war ein Mittelklasse-Vergnügen.
DSL - wie Lichtgeschwindigkeit
Im Herbst 1999 startete die Telekom T-DSL. 768 kbit/s downstream. Das war 14 Mal schneller als ein 56k-Modem. Ein MP3 in einer Minute statt in dreizehn. Eine Website in einer Sekunde statt in zehn. Es fühlte sich an, als hätte jemand das Internet von der Handbremse gelöst.
Und das Beste: DSL blockierte nicht die Telefonleitung. Du konntest surfen und telefonieren. Gleichzeitig. Für Familien war das die Befreiung. Kein Streit mehr. Kein "Geh raus aus dem Internet". Einfach online sein, die ganze Zeit.
T-DSL kostete anfangs rund 40 DM pro Monat. Plus DSL-Modem (Splitter, Netzwerkkarte). Die Hardware schlug mit 200 bis 300 DM zu Buche. Aber wer einmal DSL hatte, wollte nie zurück. Napster und die Tauschbörsen explodierten nicht zufällig genau in dieser Zeit.
Heute vs. damals
Ein moderner Glasfaser-Anschluss liefert 1.000 Mbit/s. Ein 56k-Modem lieferte 0,056 Mbit/s. Das ist der Faktor 18.000. Was damals eine Nacht dauerte, dauert heute unter einer Sekunde. Was damals unmöglich war - Videostreaming, Cloud-Gaming, Videokonferenzen - ist heute selbstverständlich.
Trotzdem: Die Langsamkeit hatte auch ihren Charme. Du hast bewusster gesurft. Jede Seite war eine Entscheidung. Jeder Download ein Commitment. Das Internet war kein Hintergrundrauschen. Es war ein Ereignis. Und wenn nach 13 Minuten endlich der Song fertig geladen war, hat er sich besser angehört als jeder Spotify-Stream.