Der Browserkrieg war gewonnen
Als Microsoft den Internet Explorer 6 am 27. August 2001 zusammen mit Windows XP auslieferte, war der Krieg gegen Netscape längst gewonnen. Netscape war erledigt. Der IE hatte über 90 Prozent Marktanteil. Microsoft dominierte das Web.
Und genau das war das Problem. Wer keinen Konkurrenten hat, hat keinen Grund, sich zu verbessern. Microsoft löste das Webentwicklungs-Team praktisch auf. Der IE6 blieb fünf Jahre lang der aktuelle Browser. Fünf Jahre ohne nennenswerte Updates. In Internet-Zeit ist das eine Ewigkeit.
Kaputtes CSS
Der IE6 interpretierte CSS-Standards auf seine eigene, kreative Weise. Das Box-Modell? Anders berechnet als in jedem anderen Browser. Floats? Buggy. Margins? Verdoppelten sich unter bestimmten Umständen. Transparente PNGs? Grauer Hintergrund statt Transparenz.
Webentwickler mussten für jede Website zwei Versionen bauen. Eine für echte Browser. Eine für den IE6. Das kostete Zeit, Geld und Nerven. Die Workarounds hatten eigene Namen: der "Double Margin Bug", der "Peekaboo Bug", der "3px Jog". Es gab ganze Websites, die nur IE6-Bugs dokumentierten.
Der PNG-Transparenz-Hack wurde zum Running Gag der Branche. Der IE6 konnte keine halbtransparenten PNG-Bilder darstellen. Die Lösung war ein proprietärer Microsoft-Filter namens AlphaImageLoader, der per CSS eingebunden wurde. Er funktionierte - aber er war langsam, speicherhungrig und brach andere Funktionen.
Die berüchtigtsten IE6-Bugs
- Double Margin Bug: Floated Elemente mit Margin verdoppelten den Abstand
- Peekaboo Bug: Inhalte verschwanden und tauchten beim Scrollen wieder auf
- Broken Box Model: Padding und Border wurden in die Breite eingerechnet
- PNG-Transparenz: Alpha-Kanal wurde nicht unterstützt
- Kein position:fixed: Fixierte Elemente scrollten mit
- Hasslayout: Mysteriöse Rendering-Eigenschaft, die Bugs auslöste und behob
Conditional Comments - der Notnagel
Microsoft hatte zumindest eine elegante Lösung für das Problem, das sie selbst geschaffen hatten: Conditional Comments. HTML-Kommentare, die nur der IE verstand. Damit konnten Entwickler eigene Stylesheets nur für den IE6 laden.
<!--[if IE 6]> <link rel="stylesheet" href="ie6-fixes.css"> <![endif]-->
Jedes grössere Webprojekt hatte eine eigene ie6-fixes.css. Manche waren länger als das eigentliche Stylesheet. Das war kein Webdesign. Das war Schadensbegrenzung.
ActiveX - das Sicherheitsdesaster
ActiveX war Microsofts Antwort auf Java-Applets. Kleine Programme, die direkt im Browser liefen. Klingt praktisch. War es auch - für Angreifer. ActiveX-Controls hatten vollen Zugriff auf das Windows-System. Jede Website konnte Software installieren, Dateien lesen, den Rechner übernehmen.
Die Sicherheitslücken kamen im Wochentakt. Drive-by-Downloads installierten Toolbars, Spyware und Trojaner. Du musstest nichts anklicken. Es reichte, eine präparierte Website zu besuchen. Der IE6 hat mehr Malware auf Rechner gebracht als jede andere Software seiner Zeit.
Manche Unternehmen bauten ihre internen Anwendungen auf ActiveX auf. Genau das wurde später zum Hauptgrund, warum der IE6 so schwer zu ersetzen war. Die Intranet-Apps liefen nur im IE6. Ein Upgrade hätte teure Neuprogrammierung bedeutet.
Keine Tabs
Der IE6 hatte keine Tabs. Jede Website öffnete ein eigenes Fenster. Bei zehn geöffneten Seiten hattest du zehn Fenster in der Taskleiste. Opera hatte seit 2000 Tabs. Firefox brachte sie 2004 mit. Der IE bekam sie erst 2006 mit Version 7. Fünf Jahre nach dem IE6-Release.
Für Nutzer, die nur den IE kannten, war das normal. Für alle anderen war es ein Witz. Tabbed Browsing war der offensichtlichste Vorteil, den Firefox-Nutzer ihren IE-Kollegen voraus hatten. "Du kannst mehrere Seiten in einem Fenster öffnen?" - "Ja. Seit Jahren."
"Works best in Internet Explorer"
In den frühen 2000ern trugen tausende Websites den Button: "Best viewed in Internet Explorer." Manche funktionierten tatsächlich nur im IE. Nicht weil der IE besser war. Sondern weil die Entwickler nur für den IE gebaut hatten. Bei 95 Prozent Marktanteil war das nachvollziehbar. Aber es zementierte das Monopol.
Banken, Behörden, Versicherungen - alle setzten auf den IE. Online-Banking funktionierte oft nur mit ActiveX. Elster (die Steuererklärung) brauchte den IE. Wer Firefox nutzte, musste für bestimmte Seiten zurück zum IE wechseln. Das Web war eine Microsoft-Veranstaltung.
IE6 Must Die
Ab 2008 formierte sich der Widerstand. Webentwickler weltweit hatten genug. Die Kampagne "IE6 Must Die" verbreitete sich. Websites zeigten Bannern, die IE6-Nutzer zum Umstieg aufforderten. Google kündigte an, den IE6-Support für seine Dienste einzustellen. YouTube folgte.
Selbst Microsoft wollte den IE6 loswerden. 2009 startete Microsoft die Website "IE6 Countdown" mit dem Ziel, den weltweiten Marktanteil unter 1 Prozent zu drücken. Der Hersteller kämpfte gegen sein eigenes Produkt. So etwas hatte es noch nie gegeben.
In China hielt sich der IE6 am längsten. Noch 2011 nutzten dort über 25 Prozent der Internetnutzer den alten Browser. Raubkopierte Windows-XP-Installationen ohne Updates waren der Grund. Erst Windows 7 und 8 drückten die Zahlen endgültig nach unten.
Das Vermächtnis
Der IE6 hat das Web um Jahre zurückgeworfen. Neue Technologien konnten nicht eingesetzt werden, weil der IE6 sie nicht unterstützte. CSS3 und HTML5 mussten warten. Responsive Design war unmöglich. Der IE6 war der Grund, warum das Web der 2000er so aussah, wie es aussah - statisch, unflexibel und voller Hacks.
Gleichzeitig hat er eine ganze Generation von Webentwicklern geprägt. Wer den IE6 überstanden hat, kann alles. Cross-Browser-Testing, Graceful Degradation, progressive Enhancement - diese Konzepte entstanden aus der Not, den IE6 zu unterstützen.
Die GeoCities-Seiten der späten 90er liefen im IE6. StudiVZ musste ihn unterstützen. Jedes Webprojekt zwischen 2001 und 2010 hatte ihn auf dem Schirm. Heute ist er Geschichte. Aber die Narben bei den Entwicklern sind geblieben.