Warum LAN-Partys nötig waren

Ende der 90er war Online-Gaming ein Witz. Wer über ein 56k-Modem Counter-Strike spielte, hatte Pings von 200 bis 400 Millisekunden. Das Ergebnis: Du warst schon tot, bevor dein Bildschirm den Gegner zeigte. Die Lösung war simpel. Alle Rechner in einen Raum stellen und per Kabel verbinden. Null Latenz. Pures Spielvergnügen.

LAN steht für Local Area Network. Das klingt technisch. In der Praxis hiess es: Kabel durch den Flur, Hub auf den Küchentisch, und beten, dass alle Rechner sich finden.

Bild: Typische LAN-Party um 2001 - Kellerraum mit CRT-Monitoren, Kabelsalat und Pizza-Kartons

CRT-Monitore schleppen - ein Ritual

Ein 17-Zoll-Röhrenmonitor wog rund 20 Kilogramm. Ein 19-Zöller locker 25. Dazu kam der Rechner selbst: Tower, Tastatur, Maus, Mauspad, Headset, Stromkabel, Netzwerkkabel. Wer schlau war, hatte eine stabile Sporttasche für den Monitor. Wer nicht schlau war, hat ihn im Bettlaken getragen.

Das Schleppen war Teil des Erlebnisses. Ankommen, Rechner aufbauen, erstmal die Treiber-CD suchen, weil die Netzwerkkarte wieder nicht erkannt wurde. Der Aufbau dauerte oft länger als erwartet. Aber wenn endlich alle im Netzwerk waren, war das Gefühl unbezahlbar.

Netzwerk einrichten - die wahre Herausforderung

Bevor gespielt wurde, musste das Netzwerk laufen. Und das war 1999 kein Selbstläufer. Du brauchtest einen Hub oder Switch, genug Cat5-Kabel für alle, und jemanden, der sich mit IP-Adressen auskannte. Statische IPs waren Standard. DHCP? Luxus.

Wer nur zu zweit spielen wollte, nahm ein Crossover-Kabel - ein Netzwerkkabel mit vertauschten Adern. Damit konnten zwei Rechner direkt verbunden werden. Ohne Hub, ohne Router. Simpler ging es nicht.

Bei älteren Spielen wie Doom oder Duke Nukem 3D lief das Netzwerk über IPX/SPX. Das war ein Protokoll, das Novell für seine Netzwerke erfunden hatte. Es funktionierte überraschend gut für Gaming. TCP/IP setzte sich erst später durch.

Typische Netzwerk-Checkliste

  • Hub oder Switch (5 oder 8 Ports, je nach Gästezahl)
  • Cat5-Kabel für jeden Teilnehmer (Ersatzkabel nicht vergessen)
  • IP-Adressen vergeben: 192.168.0.1, 192.168.0.2 usw.
  • Windows-Firewall ausschalten (Sicherheit war kein Thema)
  • Alle dasselbe Spiel in derselben Version installiert
  • Patches auf CD mitbringen, falls jemand die falsche Version hat

Die Spiele

Counter-Strike war der König der LAN-Party. Version 1.5, später 1.6. Fünf gegen fünf auf de_dust2. Der Ruf "Fire in the hole!" hallte durch den Raum. Wer geheadshoted wurde, konnte dem Schützen direkt ins Gesicht schauen - er sass ja drei Meter weiter. Das machte Siege süsser und Niederlagen bitterer.

Aber Counter-Strike war bei weitem nicht das einzige Spiel. StarCraft: Brood War war Pflicht für jeden Strategiefan. Warcraft III kam 2002 und wurde sofort zum LAN-Klassiker. Unreal Tournament lieferte rasante Deathmatches. Age of Empires II war perfekt für lange Runden - eine Partie konnte Stunden dauern.

LAN-Party-Klassiker

  • Counter-Strike 1.6: Der Shooter, der alles dominierte
  • StarCraft: Brood War: Koreanische Perfektion im Keller
  • Warcraft III: Helden, Creeps und DotA als Custom Map
  • Unreal Tournament: "M-M-M-Monster Kill!"
  • Age of Empires II: Marathonrunden bis zum Morgengrauen
  • Quake III Arena: Rocket Jumps im LAN
  • Need for Speed: Weil auch Rennspiele gingen
  • Diablo II: Kooperativ Baal runnen, direkt nebeneinander

Pizza, Cola und kein Schlaf

Eine LAN-Party ohne Pizza war keine LAN-Party. Der Pizzadienst wurde oft schon vorher informiert, dass nachts bestellt wird. Dazu Chips, Cola, billiger Energy-Drink. Das Essen stand zwischen Tastatur und Monitor. Fettige Finger auf der Maus waren normal.

Geschlafen wurde wenig bis gar nicht. Wer um 3 Uhr nachts müde wurde, legte sich kurz auf die Couch. Um 5 Uhr war er wieder da, weil jemand "Noch eine Runde!" gerufen hatte. Die besten Matches passierten zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang. Übermüdet, unterzuckert, hyper-fokussiert.

Die Luft im Raum wurde mit jeder Stunde dicker. Zehn PCs heizen einen Kellerraum auf wie eine Sauna. Fenster auf war keine Option - dann wurde es zu laut für die Nachbarn. Also schwitzen und weiterspielen.

Das soziale Erlebnis

LAN-Partys waren das sozialste Gaming-Erlebnis, das es je gab. Kein Voice-Chat über Headset. Kein anonymer Spieler aus Korea. Du sassest neben deinen Freunden. Du hast ihre Reaktionen gehört. Du konntest ihnen beim Verlieren ins Gesicht lachen.

Wer teamkillte, bekam sofort verbale Konsequenzen. Wer einen unmöglichen Headshot landete, wurde gefeiert. Es gab kein Ghosting, kein Rage-Quit ohne Folgen. Du warst präsent. Physisch. Und genau das machte den Unterschied zu allem, was danach kam.

Deutsche LAN-Events

Neben den privaten Kellertreffen gab es organisierte Events. Die Intel Friday Night Game in mehreren deutschen Städten war ein Einstieg. Wer es grösser wollte, fuhr zur DreamHack - anfangs ein schwedisches Event, später auch in Deutschland. Die Games Convention in Leipzig hatte LAN-Turniere. Und dutzende lokale Vereine organisierten regelmässig 50-bis-200-Mann-LANs in Sporthallen und Jugendzentren.

Bei den grossen Events war die Logistik beeindruckend. Hunderte Rechner in Reihen, Kabelbäume wie in einem Rechenzentrum, Turniere mit echten Preisgeldern. Für viele war es der erste Kontakt mit E-Sport - Jahre bevor der Begriff Mainstream wurde.

Das Ende einer Ära

Mit DSL änderte sich alles. Ab 2003/2004 hatten immer mehr Haushalte Breitband. Plötzlich konnte man von zuhause mit 20er-Ping spielen. Kein Schleppen mehr. Kein Netzwerk einrichten. Einfach Steam starten und losspielen.

Die LAN-Party starb nicht über Nacht. Sie wurde langsam überflüssig. Warum 20 Kilo Monitor durch die Gegend tragen, wenn du denselben Match vom Sofa aus spielen kannst? Die Antwort wäre gewesen: Wegen der Atmosphäre. Wegen des Pizzageruchs. Wegen der Sprüche um 4 Uhr morgens. Aber Bequemlichkeit gewinnt immer.

Heute gibt es noch LAN-Partys. Aber sie sind Nostalgie-Events, nicht Notwendigkeit. Das Moorhuhn wurde alleine im Büro gespielt. Counter-Strike brauchte den Keller voller Freunde. Beides war perfekt für seine Zeit.