Diese Seite ist das Gegenteil der Google-Startseite aus dem Vorjahr. Hier ist jeder Quadratzentimeter belegt, es gibt drei Spalten, acht Reiter und redaktionelle Texte mit Wortspielen. Amazon war 1999 nicht nur ein Laden, sondern wollte auch eine Zeitschrift sein.
Seite im Archiv besuchen12345Bildschirmfoto der archivierten Seite amazon.com vom 27. August 1999, Internet Archive Wayback Machine
- Acht Reiter: Bücher, Musik, Video, Spielzeug, Elektronik, Grusskarten und Auktionen. Vier Jahre vorher gab es nur Bücher.
- Oben rechts steht das Datum, ausgeschrieben mit Wochentag. Eine Website zeigte damals, dass sie aktuell ist, so wie eine Zeitung.
- Werbung für eine MiniDisc-Anlage von Sony. Das Format galt 1999 als Zukunft und wurde von der Festplatte im MP3-Spieler überrollt.
- Alle drei Spitzenplätze der Bücherliste sind Harry Potter. Band drei war in den USA noch nicht einmal erschienen, das waren Vorbestellungen.
- Purchase Circles zeigten, was Leute in einer bestimmten Stadt oder Firma kauften. Nach Protesten wurde die Funktion wieder eingestellt.
Vom Buchladen zum Kaufhaus
Amazon ging im Juli 1995 als reiner Buchhändler online. Die Reiterleiste auf dieser Aufnahme zeigt, wie schnell das gekippt ist. Neben Büchern stehen dort Musik, Video, Spielzeug und Spiele, Elektronik, Grusskarten und Auktionen. Der Grossteil davon kam allein im Jahr 1999 dazu.
Der Slogan "Earth's Biggest Bookstore" hatte sich damit erledigt. Was blieb, war die Logik dahinter: erst eine Sparte beherrschen, dann die Infrastruktur für die nächste benutzen. Lager, Bezahlung, Empfehlungen und Kundenbewertungen funktionieren bei einem Buch genauso wie bei einem Plüschtier.
Auktionen gegen eBay
Im März 1999 startete Amazon einen eigenen Auktionsbereich, sichtbar als letzter Reiter. Das war ein direkter Angriff auf eBay, das in diesem Feld damals allein stand.
Es ging nicht auf. Ein Marktplatz lebt davon, dass Käufer und Verkäufer gleichzeitig da sind, und diesen Vorsprung hatte eBay längst. Amazon stellte die Auktionen später ein und fuhr stattdessen die Idee hoch, fremde Händler auf der eigenen Plattform verkaufen zu lassen. Dieser Marketplace wurde am Ende deutlich grösser als das Eigengeschäft.
Drei Mal Harry Potter
Rechts steht die stündlich aktualisierte Bestsellerliste, und alle drei Plätze gehören Harry Potter. An der Spitze "Prisoner of Azkaban", der in den USA erst am 8. September 1999 erschien. Was hier oben steht, sind also reine Vorbestellungen.
Für Amazon war das ein Glücksfall und eine Blaupause. Ein Buch, das noch nicht existiert, wochenlang auf Platz eins: Das zeigte, dass ein Onlinehändler Nachfrage sichtbar machen und einsammeln kann, bevor die Ware überhaupt gedruckt ist. Kein Buchladen mit Regalen konnte das.
Purchase Circles, die zu weit gingen
Im rechten Bereich taucht eine Funktion namens Purchase Circles auf. Die Idee: Amazon wertete Lieferadressen aus und zeigte, was in einer bestimmten Stadt, an einer Universität oder in einer Firma besonders oft bestellt wurde. Man konnte nachsehen, welche Bücher die Leute bei einem bestimmten Konzern lasen.
Das kam nicht überall gut an. Nach Kritik von Datenschützern und verärgerten Unternehmen ruderte Amazon zurück und liess Betroffene sich austragen, später verschwand die Funktion ganz. Es ist einer der ersten öffentlichen Streitfälle darüber, was ein Händler mit den Daten seiner Kunden anstellen darf.
Ein Datum wie in der Zeitung
Oben rechts steht "Friday, August 27, 1999", ausgeschrieben mit Wochentag. Das findet man auf vielen Seiten der Zeit, und es hatte einen Grund. Eine Website war für viele Besucher etwas Neues, und die Frage, ob das da gerade eben oder vor einem halben Jahr geschrieben wurde, lag nahe. Das Datum war eine Frischeanzeige.
Bei eBay 1997 lässt sich beobachten, wie berechtigt dieses Misstrauen war. Dort stand im Copyright noch 1996, während die Aufnahme aus dem Juni 1997 stammt.
Was daraus wurde
1999 machte Amazon Verlust, wie fast alle grossen Internetfirmen dieser Jahre. Der erste Quartalsgewinn kam Ende 2001, der erste Jahresgewinn 2003. Wer die Firma damals bewertete, tat das ausschliesslich über die Hoffnung, dass Grösse sich irgendwann auszahlt.
Am Grundaufbau dieser Seite hat sich erstaunlich wenig geändert. Reiter für Sparten, links die Kategorien, in der Mitte Empfehlungen, rechts Bestsellerlisten. Wer von hier direkt zur heutigen Startseite springt, erkennt dieselbe Anordnung wieder, nur enger gepackt.
Quellen
- amazon.com am 27. August 1999 im Internet Archive
- Amazon bei Wikipedia




