Das erste Video auf YouTube ging am 23. April 2005 online, achtzehn Sekunden vor einem Elefantengehege. Diese Aufnahme stammt vom 28. April, fünf Tage später. Und sie zeigt etwas, das die spätere Erzählung von der Videoplattform gründlich stört.
Seite im Archiv besuchen12345Bildschirmfoto der archivierten Seite youtube.com vom 28. April 2005, Internet Archive Wayback Machine
- Das Logo mit dem roten Fernseher steht schon fast so da wie heute. Der Rest der Seite hat mit dem heutigen Dienst nichts zu tun.
- Fünf Reiter: Startseite, Favoriten, Nachrichten, Videos, mein Profil. Eine Suche gibt es nicht, weil es kaum etwas zu suchen gab.
- Hier steht: Ich bin männlich, suche jeden, zwischen 18 und 45. Das ist keine Videoplattform, das ist die Eingangsmaske einer Partnerbörse.
- Der graue Kasten war ein Flash-Film. Heutige Browser zeigen dort nur noch, dass sie das Plug-in nicht mehr kennen. Flash wurde 2020 eingestellt.
- Im Fuss steht "YouTube, LLC" mit einem hochgestellten TM. Die Firma war zu diesem Zeitpunkt zwei Monate alt.
Tune In, Hook Up
Chad Hurley, Steve Chen und Jawed Karim gründeten YouTube im Februar 2005. Die ursprüngliche Idee war eine Partnervermittlung mit Videos: Man stellt einen kurzen Film von sich online, andere sehen ihn und melden sich. Der Werbespruch dazu lautete "Tune In, Hook Up".
Genau diese Idee steht auf der Aufnahme. Unter dem Anmeldefeld sitzen drei Auswahlmenüs für Geschlecht, gesuchtes Geschlecht und Altersspanne. Wer sich anmeldete, wurde nicht nach seinen Interessen gefragt, sondern nach seinem Beuteschema.
Das Problem: niemand machte mit
Der Plan scheiterte an der Beteiligung. Es luden schlicht keine Leute Videos hoch, in denen sie sich vorstellten. Die Gründer haben später erzählt, dass sie sogar Frauen auf Craigslist Geld dafür geboten hätten, Profilvideos einzustellen. Es kam nichts.
Was stattdessen passierte: Leute luden irgendwelche Videos hoch. Urlaubsaufnahmen, Fernsehmitschnitte, ihre Katze. Die Gründer sahen sich das an und strichen die Partnervermittlung ersatzlos. Aus der Frage "wen suchst du" wurde die Frage "was hast du".
Fünf Reiter und keine Suche
Die Startseite führt oben fünf Bereiche: Home, Favorites, Messages, Videos, My Profile. Drei davon drehen sich um dich selbst, nicht um Inhalte. Ein Suchfeld fehlt vollständig.
Das ist kein Versäumnis, sondern folgerichtig. Bei ein paar Dutzend Videos braucht man keine Suche. Dass ausgerechnet die Suche später zur wichtigsten Funktion des Dienstes wurde und YouTube heute nach Google die zweitmeistgenutzte Suchmaschine der Welt ist, konnte im April 2005 niemand ahnen.
Der graue Kasten in der Mitte
Die grosse leere Fläche ist kein Fehler der Archivierung. Dort lief ein Flash-Film. Flash war 2005 die einzige Technik, mit der man Video zuverlässig im Browser abspielen konnte, und genau darauf baute YouTube auf. Der Dienst wandelte jedes Hochladen automatisch in Flash-Video um, damit es überall lief.
Adobe hat Flash Ende 2020 eingestellt, seit Anfang 2021 ist es in keinem Browser mehr aktiv. Wer die archivierte Seite heute öffnet, sieht deshalb nur noch den Hinweis, dass das Plug-in nicht unterstützt wird. Ein grosses Stück des frühen Webs ist auf diese Weise nicht mehr abspielbar, obwohl es archiviert wurde.
Was danach passierte
Im Dezember 2005 startete YouTube offiziell, ohne Partnervermittlung, mit Suche und Empfehlungen. Im November 2006 kaufte Google den Dienst für 1,65 Milliarden Dollar in Aktien. Zu diesem Zeitpunkt war die Firma nicht einmal zwei Jahre alt.
Für das deutsche Netz war das ein Einschnitt. Videos schickte man vorher als Datei herum, per Mail oder über Tauschbörsen, und jede war ein paar Megabyte gross. Über ein Modem hätte das Stunden gedauert. Erst mit DSL und einer Seite, die alles ins gleiche Format brachte, wurde Video im Netz alltäglich.
Quellen
- youtube.com am 28. April 2005 im Internet Archive
- YouTube bei Wikipedia




