Wer 1999 einen Computer benutzte, hat diese Seite gesehen. Nicht weil er sie gesucht hätte, sondern weil sie ihm jemand geschickt hat. Und dieser Jemand hatte sie auch nur weitergeleitet bekommen. So funktionierte Verbreitung, bevor es Netzwerke gab, in denen man auf einen Knopf drückt.
Seite im Archiv besuchen1234Bildschirmfoto der archivierten Seite hamsterdance.com vom 21. April 1999, Internet Archive Wayback Machine
- Ganz oben, noch über dem Titel, sitzt ein Werbebanner. Selbst eine private Spassseite trug 1999 Werbung, sobald sie Zulauf bekam.
- Im Titel steht HAMPSTER mit P, und das war Absicht. Genau dieses P hat die Erfinderin später die eigene Adresse gekostet.
- "dance the night away". Danach kommt nichts mehr ausser Bildern. Kein Menü, keine Erklärung, kein Impressum.
- Es sind nur vier verschiedene Nager, hunderte Male untereinander gesetzt. Der ganze Quelltext besteht praktisch aus img-Zeilen.
800 Besucher in 19 Monaten, dann 60.000 in vier Tagen
Gebaut hat die Seite Deidre LaCarte im August 1997. Sie studierte an der Malaspina University-College in Nanaimo in British Columbia und gab nebenher Kampfsportunterricht. Der Anlass war eine Wette: Sie, ihre Schwester und eine Freundin wollten herausfinden, wer die meisten Zugriffe auf eine selbstgebaute Seite bekommt.
Das Ergebnis war zunächst ernüchternd. Von August 1997 bis März 1999 zählte die Seite rund 800 Besuche. Das sind vier pro Tag. Anderthalb Jahre lang war das Ding schlicht eine Seite im Netz, die niemanden interessierte.
Im Februar 1999 sprach sich die Adresse dann herum, per E-Mail und über die ersten Weblogs. Bis März kamen an vier Tagen etwa 60.000 Aufrufe zusammen. In vier Tagen also 75 Mal so viele wie in den 19 Monaten davor.
Dieser Sprung ist das eigentlich Interessante. Es gab keinen Auslöser, keine Kampagne, keinen Bericht im Fernsehen. Irgendwann hat eine kritische Menge Leute dieselbe Adresse gleichzeitig weitergeschickt, und ab da lief es von allein.
Vier GIFs, ein Lied, mehr nicht
Technisch ist die Seite ein Witz, und zwar im besten Sinne. Es gibt vier verschiedene animierte Grafiken von Nagern: ein graues Tier, das nickt, ein orangefarbenes, das die Arme hebt, ein braunes, das hüpft, und eines mit weissem Gesicht. Diese vier stehen hunderte Male untereinander, in Reihen, die einfach umbrechen, wo der Bildschirm zu Ende ist.
Dazu läuft Musik. Neun Sekunden als WAV-Datei, in Dauerschleife, automatisch beim Öffnen. Das war 1997 noch neu genug, um zu beeindrucken. Hintergrundmusik in eine Webseite einzubauen ging überhaupt erst seit kurzem, und die meisten Leute hatten so etwas noch nie erlebt.
Man sollte sich klarmachen, was das über ein 56k-Modem bedeutete. Eine Handvoll kleiner GIFs und eine Tondatei, das war gerade noch zumutbar. Wäre die Seite ein Video gewesen, hätte sie niemand je gesehen.
Woher die Musik kam
Der Ohrwurm ist kein eigenes Stück, sondern ein beschleunigter Ausschnitt. Das Original heisst "Whistle-Stop", stammt von Roger Miller und lief 1973 im Vorspann des Disney-Zeichentrickfilms Robin Hood.
Wer die Melodie kennt, hört sie in normaler Geschwindigkeit sofort wieder. Hochgepitcht klingt sie nach etwas ganz anderem, und genau das machte den Reiz aus: ein Geräusch, das vertraut wirkt, ohne dass man sagen kann, woher.
Dass eine Seite fremde Musik einfach mitlaufen liess, war damals keine grosse Sache. Fragen dieser Art stellte man 1997 im Netz selten, und Antworten gab es noch seltener.
Das P, das die Adresse kostete
Auf der Seite steht "The Hampster Dance", mit P in der Mitte. Das war kein Tippfehler. LaCarte hatte ihr Vorbild nach demselben Muster benannt, und die ganze Sache hiess ursprünglich "Hampton Hampster's Hamster House", untergebracht auf einer kostenlosen GeoCities-Seite.
Nur hat sie versäumt, sich hampsterdance.com zu sichern, als die Welle losging. Fremde taten es für sie und stellten Kopien online. Sie selbst wich auf hamsterdance.com aus, später kamen weitere Varianten mit angehängter Zwei dazu.
Das ist im Rückblick die bitterste Pointe der Geschichte. Die Seite gehörte praktisch allen, nur nicht der Person, die sie gebaut hatte. Anfang 2000 ging die Adresse an eine Firma namens Nutty Sites, Ende 2001 verkaufte LaCarte die Rechte an Abatis International.
Vom Scherz zur Single
Im Juni 2000 erschien "The Hampsterdance Song" als Single, herausgebracht unter dem Künstlernamen Hampton the Hampster. Das Lied schaffte es in Kanada auf Platz eins der Singlecharts, 2001 in Australien auf Platz fünf.
In Deutschland lief es kleiner, aber es lief. Am 6. November 2000 stieg die Single in die deutschen Charts ein und hielt sich neun Wochen, in der Spitze auf Platz 60.
Damit ist der Hamster einer der ersten Fälle, in denen etwas aus dem Netz den Weg in die klassische Verwertung fand. Heute ist das der Normalfall, jeder Trend bekommt eine Single hinterher. Im Jahr 2000 war es eine Kuriosität, über die Radiomoderatoren erklären mussten, was da eigentlich passiert war.
Warum das damals funktionieren konnte
Es gab kein Netzwerk, in dem sich so etwas verbreiten konnte. Kein Facebook, kein YouTube, keine Zeitleiste, keinen Teilen-Knopf. Es gab E-Mail, Foren und die ersten Weblogs, und es gab Leute in Büros, die etwas Lustiges an die halbe Abteilung schickten.
Damit war die Verbreitung langsam und dafür haltbar. Eine E-Mail liegt im Postfach, bis jemand sie öffnet. Sie verschwindet nicht nach zwei Stunden aus einer Zeitleiste. Genau deshalb konnte eine Seite von 1997 im Frühjahr 1999 durchstarten und den ganzen Sommer über getragen werden.
Dazu kam die Bescheidenheit der Mittel. Wer damals etwas weiterleitete, verlinkte eine Adresse. Der Empfänger musste sie öffnen, warten, bis die Bilder standen, und wurde dann von Musik überrascht, die er nicht bestellt hatte. Dieser kleine Schreck gehörte zum Erlebnis dazu.
Was davon geblieben ist
Die Seite gibt es weiterhin, in wechselnden Fassungen und unter verschiedenen Adressen. Sie ist damit eine der wenigen aus dieser Zeit, die nie ganz verschwunden sind.
Wichtiger ist aber, was sie gezeigt hat. Eine Studentin ohne Budget, ohne Redaktion und ohne Plan hat mit vier Bildern und neun Sekunden Ton mehr Menschen erreicht als die meisten Firmen mit ihren Werbeauftritten. Dass so etwas möglich ist, war 1999 eine echte Nachricht.
Und die Wette hat sie natürlich gewonnen.
Ob das Rezept heute noch trägt, lässt sich schlecht behaupten und leicht ausprobieren. Wir haben es nachgebaut, mit eigenem Tier, eigener Zeichnung und eigener Melodie: der Dackel Dance.
Quellen
- hamsterdance.com am 21. April 1999 im Internet Archive
- Hampster Dance bei Wikipedia
- Hampton, the Hampster bei Wikipedia, dort die Chartdaten




