Fünf Sardinen, handgezeichnet, drehen sich wie Schallplatten auf einem Plattenteller. Dazu ein Beat, der aussieht, als käme er direkt aus einer arabischen Trommel, aber komplett im Browser entsteht. Der Anlass: 2026 dreht sich auf TikTok plötzlich alles um Sardinen.
Das Rezept ist bekannt, ich habe es schon einmal ausprobiert: ein paar animierte Bilder, eine Melodie in Dauerschleife, sonst nichts. Beim Dackel Dance war das eine Hommage an die tanzenden Hamster von 1997. Diesmal ist der Anlass jünger, nämlich ziemlich genau von diesem Sommer.
Der Ton startet erst auf Knopfdruck. Das war schon beim Hamster Dance der unbeliebteste Teil der Sache, und daran hat sich seit 1997 nichts geändert.
Lautstärke vorher prüfen. Der Beat ist flotter als der Dackel-Ohrwurm.
Blauschimmer
Grünrücken
Silberling
Goldstück
Rosalie
Schick deinen Fischfreunden fünf drehende Sardinen
Auf TikTok ist die Dose gerade der Star. Unter Schlagworten wie "Sardine Girl Summer" feiern Creator den kleinen Fisch als günstiges Superfood und angebliches Beauty-Mittel für die Haut, "Skin Care in a Can" nennt es die Atlanta Journal-Constitution. Die Nachfrage war zeitweise so groß, dass Dosensardinen in manchen Läden schlicht ausverkauft waren.
Parallel dazu tanzt der Fisch auch im wörtlichen Sinn: Unter dem Sound "DJ Sardine" eines gleichnamigen Accounts ist ein eigener kleiner Fish-Dance-Trend entstanden, dazu kursieren Dutzende Sardinen-Memes, vom Beauty-Trend bis zum riesigen Adler, der virtuell über winzigen Sardinendosen schwebt. Kurz: Der Fisch ist 2026 überall, nur eben nicht mehr in der Dose im Supermarktregal.
Das ist fast schon die Pointe des Hamster Dance in Klein: eine banale Sache, die ohne erkennbaren Auslöser plötzlich die Timeline übernimmt. 1997 hat es 19 Monate gedauert, bis das bei den tanzenden Nagern passierte. 2026 reicht dafür ein einziges Wochenende.
Was daran echt ist und was nicht
Fünf Sardinen, jede mit eigenem Namen. Drei davon tragen echte Farbschläge des Fisches: Blauschimmer und Grünrücken für die zwei Rückenfarben, die eine echte Sardine je nach Licht zeigt, dazu Silberling für die etwas verblassten Exemplare. Die kleinen dunklen Punkte auf der Flanke sind ebenfalls kein Fantasieprodukt, sondern das Erkennungsmerkmal der echten Sardine, ihre Seitenlinie.
Goldstück und Rosalie gibt es dagegen so nicht. Goldstück ist ein Zitat auf die Dose in Öl, mit ein paar Lichtpunkten, die den Ölglanz andeuten sollen. Rosalie trägt eine rosa Schleife an der Rückenflosse, exakt derselbe Trick wie bei einem der Dackel im Dackel Dance. Wer auf beiden Seiten war, hat jetzt die Verbindung gesehen.
Gezeichnet sind alle fünf mit einem kleinen Skript, Bildpunkt für Bildpunkt, aus genau den Gründen, die schon beim Dackel galten: Ein Bildgenerator liefert bei jedem Durchgang einen leicht anderen Fisch, und eine Serie leicht verschiedener Fische sieht nicht aus wie eine Figur mit Wiedererkennungswert, sondern wie ein Zufallsergebnis.
Drehen statt laufen
Beim Dackel Dance liefen 208 kleine Hunde in einer Wand, die Bewegung war ein Laufzyklus aus vier Bildern, und nur alle paar Sekunden hat sich einer davon einmal umgedreht. Hier sind es nur fünf Fische, dafür groß, und sie drehen sich in Dauerschleife, jeder mit eigenem Tempo und eigener Verzögerung, so wie fünf Platten auf fünf Plattentellern. Namensgeber für die Seite.
Technisch ist es derselbe Trick wie beim Dackel, nur ununterbrochen statt einmal alle paar Sekunden: Die Breite des Bildes wird bis auf einen Strich zusammengequetscht und klappt seitenverkehrt wieder auf, in Dauerschleife. Ein einziges Standbild reicht dafür, kein Laufzyklus aus mehreren Bildern. Bewusst nicht per CSS um die eigene Achse gedreht, denn dabei stünde jeder Fisch einmal pro Umdrehung hochkant da, quer zu jedem Fisch, den es wirklich gibt. Mit dem Quetschtrick bleibt er die ganze Zeit auf der Seite liegend, wie es sich für eine Sardine gehört.
Wer im Betriebssystem "Bewegung reduzieren" eingestellt hat, sieht fünf stillstehende Fische. Das lässt sich hier mit einer einzigen CSS-Regel abschalten, ganz ohne Bildertausch: Anders als das GIF beim Dackel ist das Ausgangsbild ohnehin schon ein Standbild, nur das Drehen kommt per Animation obendrauf.
Woher der Beat kommt
Wie beim Dackel Dance liegt keine Audiodatei auf dem Server, die Melodie entsteht direkt im Browser aus sechzehn Tönen. Neu ist die Tonleiter: Statt der gewöhnlichen Dur-Tonleiter läuft hier die Hijaz-Skala, eine Tonfolge mit einer übermäßigen Sekunde zwischen zweiter und dritter Stufe. Genau dieser Sprung ist es, der eine Melodie für westliche Ohren "orientalisch" klingen lässt, in klassischer arabischer, türkischer und auch balkanischer Musik ist die Hijaz-Skala ein fester Bestandteil.
Dazu kommt ein leiser, tiefer Puls auf jedem vierten Ton, mehr Andeutung einer Handtrommel als ihr Klang. Beides zusammen soll klingen, als käme die Musik von woanders her, ist aber komplett erfunden und entsteht als Sinuswelle im selben Moment, in dem der Ton fällt. Nichts davon ist eine Aufnahme, nichts davon zitiert ein echtes Stück, aus demselben Grund, aus dem schon der Dackel-Ohrwurm keine Melodie von 1973 nachspielt.
Warum das Rezept immer noch trägt
1997 hat eine Studentin aus Kanada vier Bilder und ein Lied ins Netz gestellt und darauf 19 Monate gewartet, bis jemand hinschaute. Die ganze Geschichte, mit allen Details zur damaligen Verbreitung per E-Mail, steht im Artikel über den Hamster Dance. 2026 braucht ein Trend für denselben Sprung von Nische zu Massenphänomen keine anderthalb Jahre mehr, sondern manchmal ein einziges Video, das der Algorithmus in die richtige Timeline spült.
Was gleich geblieben ist: Die Bausteine sind immer noch banal. Ein paar Bilder, ein Sound, eine Wiederholung. Damals lag das an 56k-Modems, die alles andere gar nicht zugelassen hätten, dazu steht mehr im Artikel zum 56k-Modem. Heute ist es keine technische Grenze mehr, sondern offenbar immer noch das, was am besten funktioniert.
Wer statt Sardinen lieber sein eigenes Haustier tanzen sehen will, findet elf Rassen in der Haustier-Disco. Dort läuft ein richtiger Beat statt einer Hijaz-Melodie, dafür laufen statt fünf großen Fischen wieder 208 kleine Tiere im Laufzyklus.